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Bewaffneter Raub in São Paulo: Acht Matisse-Werke gestohlen

Zwei bewaffnete Männer stahlen am 7. Dezember acht Matisse-Drucke aus der Biblioteca Mário de Andrade in São Paulo. Einen Tag später nahm die Polizei einen Verdächtigen fest, die Werke aus dem legendären Künstlerbuch „Jazz“ bleiben verschwunden.

Der Überfall ereignete sich gegen 10:43 Uhr Ortszeit am letzten Tag der Sonderausstellung „Do Livro ao Museu“, wobei die beiden Täter zielstrebig vorgingen und eine Glasvitrine zerschlugen, in der die Arbeiten präsentiert waren. Die Biblioteca Mário de Andrade, Brasiliens zweitgrößte öffentliche Bibliothek, zeigte seit Oktober 2025 in Kooperation mit dem Museum für Moderne Kunst São Paulo seltene Buchkunst der 1940er und 1950er Jahre, darunter die komplette Serie von Matisses Pochoir-Drucken aus dem 1947 bei Tériade erschienenen Künstlerbuch „Jazz“.

Nach Angaben der Polizei überwältigten die Bewaffneten eine Sicherheitskraft sowie ein älteres Besucherehepaar, packten die Beute in einen Sack aus Segeltuch und flohen zunächst mit einem bereitgestellten Kleintransporter, bevor sie das Fahrzeug verließen und zu Fuß zur Metro-Station Anhangabaú gelangten. Überwachungskameras des städtischen Systems zeichneten den gesamten Vorgang auf, was den Ermittlern die Identifizierung der Täter durch Gesichtserkennungstechnologie ermöglichte.

Alle gestohlenen Arbeiten stammen aus der limitierten Auflage von 270 bis 300 Exemplaren des Künstlerbuchs „Jazz“, das Matisse in seiner späten Schaffensphase mit der von ihm als „mit der Schere zeichnen“ bezeichneten Papier-Collagen-Technik entwickelte. Die erbeuteten Schablonendrucke im Format 42,5 × 65 cm tragen die Titel „Le clown“, „Le cirque“, „Monsieur loyal“, „Cauchemar de l’Éléphant Blanc“, „Le Codomas“, „La nageuse dans l’aquarium“, „L’avaleur de sabres“ und „Le Cowboy“. Zusätzlich nahmen die Täter fünf Gravuren des brasilianischen Modernisten Candido Portinari aus der Buchausgabe „Menino de Engenho“ von 1959 mit.

Festnahme nach 24 Stunden

Am 8. Dezember nahm die Polizei im Stadtzentrum von São Paulo den 31-jährigen Felipe dos Santos Fernandes Quadra fest, während der zweite Täter weiterhin auf der Flucht ist. Das Fluchtfahrzeug wurde sichergestellt und forensisch untersucht, wobei die Ermittler von einem organisierten Kunstschmuggel-Netzwerk ausgehen, das den Diebstahl in Auftrag gegeben haben könnte. Die professionelle Durchführung und die gezielte Auswahl der Werke sprechen nach Einschätzung der Behörden gegen Gelegenheitstäter, zumal der Überfall präzise auf den letzten Ausstellungstag gelegt wurde.

Interpol wurde über die gestohlenen Werke informiert, um einen Verkauf auf dem internationalen Kunstmarkt zu verhindern, wobei die Behörden bewusst die Titel aller Arbeiten veröffentlichten. Die brasilianischen Ermittler stehen vor der Herausforderung, dass gestohlene Kunstwerke aus dem südamerikanischen Raum häufig über komplexe Kanäle in Sammlungen im Ausland gelangen, wo sie jahrzehntelang unentdeckt bleiben können.

Kultureller Wert ohne Bezifferung

Das städtische Kultursekretariat verzichtete auf eine wirtschaftliche Bewertung der gestohlenen Werke und erklärte, diese hätten kulturellen, historischen und künstlerischen Wert, der sich nicht in wirtschaftlichen Begriffen bemessen lasse. Zur Orientierung lässt sich anführen, dass ein vollständiges Exemplar von Matisses „Jazz“ 2022 bei Christie’s für 774.000 US-Dollar versteigert wurde, während der Auktionsrekord für ein Matisse-Werk bei 80,8 Millionen US-Dollar für „Odalisque couchée aux magnolias“ liegt.

Christopher A. Marinello von der Organisation Art Recovery International verwies gegenüber der New York Times auf einen besorgniserregenden Trend bei Kunstdiebstählen in öffentlichen Institutionen, da die Täter weder Sicherheitspersonal noch Strafverfolgung fürchteten und zunehmend Gewalt einsetzten. Remigiusz Plath vom Internationalen Komitee für Museumssicherheit bezeichnete Museen und kulturelle Einrichtungen als vergleichsweise ungeschützte Ziele, zumal die Sicherheitsbudgets öffentlicher Institutionen häufig nicht mit dem Wert der ausgestellten Objekte Schritt hielten.

Der Fall erinnert an den bis heute ungelösten Matisse-Diebstahl aus dem Museu Chácara do Céu in Rio de Janeiro im Jahr 2006, bei dem ebenfalls Werke des französischen Künstlers spurlos verschwanden. Die brasilianischen Behörden hoffen nun, dass die schnelle Festnahme eines Verdächtigen und die internationale Fahndung zur Wiederauffindung der Werke führen wird, bevor diese in den Kanälen des Schwarzmarkts verschwinden.

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