
Die Unruhe der Linie
„Il disegno è padre delle nostre arti“, schrieb Giorgio Vasari 1550 – die Zeichnung als Ursprung aller Kunst. Die Linie entwirft, trennt, verbindet. Sie ist Grenze und Möglichkeit zugleich. Kunstgeschichte ließe sich als Geschichte ihrer Zuspitzungen lesen: von der Renaissance-Linie bis zur expressiven Geste der Moderne. Für Otto Zitko ist die Linie kein Mittel, sondern das Ereignis selbst. Der 1959 in Linz geborene, in Wien lebende Künstler macht sie seit Jahrzehnten international erfolgreich zu seinem zentralen Akteur. In „Cardboards“, der neuen Einzelausstellung in der Galerie Crone Wien, treibt er sie erneut voran. Was wie ein einziger, ungebrochener Strich wirkt, entsteht in Etappen – mit Walze oder kräftigem Stift, im direkten Widerstand des Materials.
Zitkos Linie reagiert auf jede Oberfläche neu. Sie beschleunigt, stockt, ändert abrupt die Richtung. Hinter der scheinbaren Rasanz liegt Präzision: ein System aus Setzungen, das sich im Vollzug organisiert. Architektur ist dabei kein Hintergrund, sondern Gegenspieler. Die Linie läuft über Kanten, verschwindet in Ecken, taucht anderswo wieder auf – als hätte sie sich den Raum erst geschaffen. Vielleicht liegt hier das Besondere: Zitkos Linien versprechen nichts jenseits ihrer Bewegung. Sie markieren kein Ziel, sie behaupten Präsenz. Man folgt ihnen wie einer Spur – und merkt, dass die wichtigste Linie nicht auf dem Bildträger verläuft, sondern im eigenen Blick.
Otto Zitko. Cardboards
20.3. – 7.5.2026
Galerie Crone Wien
Getreidemarkt 14
(Eingang Eschenbachgasse)
A-1010 Wien
Tel.: +43-1-5813164
Di – Fr 11 – 18 Uhr, Sa 11 – 15 Uhr
Eintritt frei
www.galeriecrone.com