Carl Grossberg Ausstellung im Von der Heydt-Museum Wuppertal

bis 30.8.2026 | Von der Heydt-Museum

Carl Grossberg, Selbstbildnis, 1928

Rückkehr zur Ordnung

oben: Von der Heydt-Museum Wuppertal

Statisch, nüchtern, dinghaft – ein Blick auf die Realität durch die Brille kapitalistischer Rationalisierung, befreit von Utopien der Avantgarde, eine objektivierende Darstellungsweise des alltäglichen Gegenstands: Das waren die Bestrebungen der „Neuen Sachlichkeit“, die sich vehement abwandte von den fragmentierten Abstraktionen des Expressionismus, Kubismus und Dadaismus. Jene waren in der Weimarer Republik stark mit dem Chaos und der Zerstörung des Ersten Weltkriegs assoziiert, während die Künstler nun Halt suchten in der klaren Linie und der neutralen Perspektive.

Im Von der Heydt-Museum in Wuppertal wird einer der zentralen Maler der Neuen Sachlichkeit mit seiner ersten Retrospektive seit über dreißig Jahren neu entdeckt: Carl Grossberg (1894–1940), der sein extensives und bis heute wegweisendes Œuvre in nur knapp 20 Jahren schuf. Da er in Elberfeld, das heute zu Wuppertal gehört, geboren wurde und ab 1921 in Sommerhausen, südlich von Würzburg, lebte, erscheint es nur logisch, dass die Ausstellung „Carl Grossberg. Sachlich – magisch – visionär“ in Kooperation mit dem Museum im Kulturspeicher Würzburg (MiK) realisiert wird. Denn biografisch wie auch durch Präsenz in den musealen Sammlungen ist der Künstler beiden Städten sehr verbunden.

Architektur und Industrie waren seine primären Bildthemen; die Linien klar, die Formsprache reduziert, die Kontraste scharf – so erforschte er die Magie der Dinge und die Komplexität einer modernen Welt voller innerer Widersprüche. Dabei steht jener seine Motivik beherrschende technische Fortschritt im direkten Kontext mit der technischen Errungenschaft eines relativ neuen Bildmediums: der Fotografie. Die Einflüsse waren reziprok, der malerische Blick wurde eindeutig durch die fotografische Reflexion der Welt geprägt, und zugleich inspirierten Maler wie Grossberg auch die fotografische Abkehr vom Piktorialismus hin zu einer möglichst nüchtern-objektiven, nahezu dokumentarischen Abbildung der Welt. So verdeutlicht auch die Ausstellung in Wuppertal anhand ausgewählter fotografischer Positionen den Einfluss Carl Grossbergs auf die nachfolgende Generation, von August Sander über Bernd und Hilla Becher bis hin zu Thomas Ruff. Auch möchte die Schau reflektieren, wie eklatant der Kontrast des einstigen Ordnungsbestrebens jener Bildkonzepte zu der heutigen Situation medialer Bildnutzung hervorsticht – die distanzierte, emotionsentleerte Realitätssicht trifft heute auf unendlich in Netzwerken verbreitete, modifizierte und subjektivierte Bilder, die oftmals dem Traum näher als der Realität sind.

Und gerade deshalb begleitet die Besuchenden eine Art des Sehens durch diese Ausstellung, die gemäß dem damaligen Leitmotiv „Retour à l’ordre“, einer Rückkehr zur Ordnung, nicht nur das Bedürfnis nach Sicherheit, Objektivität und Realität einer Nachkriegsgeneration widerspiegelt, sondern zugleich in der unruhigen Gegenwart eine erstaunliche Aktualität besitzt.

Ninja Elisa Ohls-Felske ist Kunsthistorikerin und freie Kuratorin.

Carl Grossberg. Sachlich – magisch – visionär
bis zum 30.8.2026
Von der Heydt-Museum
Turmhof 8
D-42103 Wuppertal
Tel.: +49-202-5636231
Di – So 11 – 18 Uhr, Do 11 – 20 Uhr
Eintritt: 12 €, erm. 10 €
www.von-der-heydt-museum.de