Kunstjahr der Superlative? Die Städtischen Galerien und kleinen Museen sind das Rückgrat der Kunst!

Ein Kommentar von Mathias Fritzsche in der kunst:art 56

Dieser Tage dreht sich alles um Kassel (documenta), Venedig (Biennale) und Münster (Skulptur Projekte Münster): Sonderheft hier, Sonderheft da, und viel ist vom „Kunstjahr der Superlative“ die Rede, das gibt es nur alle zehn Jahre und ähnliches. Natürlich ist es richtig, dass diese drei Veranstaltungen – man möchte fast von Mega-Events sprechen – nur alle zehn Jahre gleichzeitig stattfinden. Was ja schon in der Natur der Dinge liegt, da die Skulptur Projekte Münster tatsächlich auch nur alle zehn Jahre stattfinden (documenta alle fünf, Biennale Venedig alle zwei Jahre). Nun gut, dieses Jahr finden alle drei Veranstaltungen gleichzeitig statt, na und?

Was ist denn plötzlich mit all den anderen Ausstellungen? Was ist mit den vielen hundert Ausstellungsorten? Was ist mit den Tausenden von Kuratoren und Mitarbeitern der anderen Kunstorte? Plötzlich nur Staffage, die uns die Zeit zwischen den Mega-Events vertreibt? Ich mache da nicht mit!

Selbstverständlich hat die documenta ihren Platz und den bekommt sie auch bei uns. Wir berichten über sie, auch auf mehr Platz als über die meisten anderen Ausstellungen. Aber nicht überdimensioniert. Denn zuallererst stehen die vielen städtischen Galerien und kleinen Museen im Zentrum. Dort kann man ohne großen Weg und ständig, nicht nur alle fünf bis zehn Jahre, Kunst sehen, verdammt gute Kunst sogar. Mit extrem wenig Geld und Personal wird dort Jahr für Jahr, Monat für Monat gute und engagierte Arbeit geleistet.

Man glaubt es kaum, aber wenn man mit Leitern von Städtischen Galerien ins Gespräch kommt, dann erfährt man, dass Dienstreisen zum Beispiel zur Biennale nach Venedig gar nicht im Haushalt vorgesehen sind. Die Direktoren und Leiter fahren zwar trotzdem zur Biennale oder zur documenta, aber viele machen das in ihrer Freizeit und auf eigene Kosten! Einigen Häusern geht es finanziell besser, aber bei vielen ist die Personallage kritisch …

Dabei sind diese Reisen unabdingbar, denn man kann seine Ideen für Ausstellungen nicht alle nur aus dem Internet entwickeln. Man muss die Kunst sehen und darüber hinaus auch Kontakte knüpfen. Das Gespräch und der Austausch sind unglaublich wichtig, aber an der Kunst wird ständig gespart und wenn die Galerie der Stadt im Zentrum Geld sparen muss, dann geht so etwas als erstes über Bord!

Wenn die documenta also gefeiert wird – zu Recht übrigens, sie ist sehr gut! –, dann darf man nicht vergessen, dass die vielen kleinen Museen und städtischen Galerien das kulturelle Rückgrat sind, ohne das eine so gute documenta nur schwer vorstellbar wäre! Vor Ort, in kleinen Städten, wird Hervorragendes geleistet: In Goch, in Bremerhaven, in Tuttlingen und Greifswald, in Bergisch Gladbach, in Büdelsdorf, in Pforzheim und in Esslingen. Die Reihe lässt sich endlos fortführen. Das sind Museen und Städtische Galerien, in denen es für den Bereich der Forschung und Ausstellungsplanung nur maximal 2-3 Stellen gibt. Auch in den großen Museen wird hervorragende Arbeit geleistet, keine Frage. Aber in den kleinen und Kleinstmuseen opfern sich viele für die Kunst geradezu auf!

Daher haben natürlich alle Recht: 2017 ist tatsächlich ein „Kunstjahr der Superlative“! Aber 2016 und 2018 auch! Dank vieler unermüdlicher Kunstfreunde direkt vor Ort in kleinen und großen Städten ist jedes Jahr ein Kunstjahr der Superlative! Vielen Dank dafür!

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Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?

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