Es werden ständig mehr! Ein Kommentar von Mathias Fritzsche zur Provenienzforschung in deutschen Museen

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Es tut sich was in den Museen! Das Thema der Restitution und der Provenienz, das, so schien es viele Jahre, Museen eher unangenehm war, wird seit einigen Jahren mit immer mehr Nachdruck behandelt und vor allem geschieht das auch immer öffentlicher! Sicher wurde auch schon vor zehn Jahren darüber nachgedacht, wo bestimmte Kunstwerke herkommen und ob die Besitzrechte über jeden Zweifel erhaben sind. Nur geschah das früher in der Stille des Depots. Heute widmen sich dem Thema Ausstellungen. Das ist gut so!

Woran liegt der Sinneswandel? Einige sagen, dass in den Museen eine neue Generation das Ruder übernimmt, die ein anderes Verhältnis zu unserer Vergangenheit hat, unbeschwerter an das Thema herangeht. Die Verbrechen der (Ur-)Großeltern liegen weit zurück und wurden von Menschen begangen, die wir häufig gar nicht mehr persönlich kannten, die inzwischen selbst lange verstorben sind. Überhaupt hat sich das Verhältnis zu unserer Geschichte gewandelt, mal im Guten, mal im weniger Guten. Zumindest aber hat die heutige Generation einerseits nicht das Gefühl des „Besiegten“, was bei vielen der in den 50er bis 70er Jahren Sozialisierten noch anzutreffen war. Und andererseits sind auch die Verbrechen, die den Verfolgten während der Nazidiktatur angetan worden sind, den allermeisten durch Schule und Populärkultur (Schindlers Liste, Anne Frank) geläufig und werden als solche auch definiert. Das macht eine offenere Herangehensweise möglich.

Tatsächlich dürfte auch der „Fall“ Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt und seine über 1.500 Werke eine Rolle gespielt haben. Denn plötzlich landete die Frage der Herkunft von Kunstwerken nicht im Feuilleton, sondern im Gemischten, im Panorama oder auf den Klatschseiten. Damit kam die Frage der Provenienz heraus aus dem akademischen Elfenbeinturm und hinaus ins pralle Leben. Vielleicht ja auch ein Grund für die eine oder andere Ausstellung, die sich nun gerade mit dieser Frage auseinandersetzt. Und wenn es zusätzliche Besucher in die Museen lockt, dann kann das ja nur recht sein.

Und doch gibt es noch immer zahllose Nachkommen, die verzweifelt die zu Unrecht verlorenen, nein, richtig wäre: geraubten Werke suchen, die ihren Eltern, Großeltern oder Onkeln und Tanten unter Angst um Leib und Leben weggenommen wurden. Natürlich geht es dabei auch um Geld, denn einige der Kunstwerke sind heute ein Vermögen wert. Aber es geht den Betroffenen mindestens ebenso um Anerkennung und Wiedergutmachung, häufig auch um emotionale Betroffenheit. Das Lieblingsbild der Großmutter, die in Auschwitz umgebracht wurde, oder die Pechstein-Sammlung, die dem geliebten Bruder, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallen ist, gewidmet war (verschollene Sammlung von Hans Heymann) – es ist nicht immer nur das Geld, um das es den Betroffenen geht!

Gerechtigkeit ist auch so manches Mal eine verdammt ungerechte Angelegenheit. Wenn ein Bild rechtmäßig und im guten Glauben samt scheinbar überzeugender Provenienz erworben wurde und es dann von den rechtmäßigen Besitzern zurückgefordert wird: Welche Entscheidung ist dann schon gerecht? Doch sehr häufig sind alle Seiten gesprächsbereit: Es ist gar nicht so selten, dass Werke, die sich unrechtmäßig im Besitz eines Museums befanden, letztlich dort auch bleiben können. Das Museum und der rechtmäßige Eigentümer kommen zu einer Lösung, die für beide Seiten akzeptabel ist. Möglicherweise muss das eine oder andere Mal eine gewisse finanzielle Entschädigung bezahlt werden, manchmal reicht es aber auch, dass der Besitzer als Dauerleihgeber genannt wird und Besitzer des Bildes bleibt. Wie auch immer der Einzelfall aussehen mag, häufig arbeiten beide Seiten gemeinsam an einer konstruktiven Lösung. Denn meist geht es beiden besonders um die Kunst!

Doch kommen wir zurück zur gegenwärtigen Situation an deutschen Museen: Gleich vier Museen gehen mit dem Thema der Provenienz und der damit verbundenen Restitution offensiv um und zeigen Ausstellungen zum Thema: Die Bundeskunsthalle Bonn und das Kunstmuseum Bern haben die Ausstellungen „Bestandsaufnahme Gurlitt“ gezeigt, das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg „Gekauft – Getauscht – Geraubt?“, und das Historische Museum Frankfurt wird „Geerbt, gekauft, geraubt?“ im Frühjahr eröffnen. Weniger glücklich lief es in Düsseldorf, der Stadt, die sogar eine eigene Stelle für Provenienzforschung geschaffen hat und damit eigentlich Vorreiter der Provenienzforschung ist. Dort sollte eine Ausstellung an den Galeristen Max Stern erinnern, der als Jude vor der Verfolgung durch die Nazis nach Kanada geflüchtet ist. Die Ausstellung musste abgesagt werden, man munkelt, dass unter anderem auch Restitutionsansprüche ein Anlass gewesen sein könnten.

Es gibt viele weitere Ausstellungen und teilweise sind es auch „nur“ Vitrinen, in denen Ergebnisse der musealen Provenienzforschung präsentiert werden (MKG Hamburg, Landesmuseum Oldenburg, DHM und viele mehr). Und es gibt auch viele Museen, die es gar nicht so genau wissen möchten und weiterhin auf Zeit spielen. Zeit, die viele Erben nicht haben: Immerhin handelt es sich um Unrecht, das schon gut 80 Jahre zurückliegt.

Unterm Strich lässt sich aber ein positives Fazit ziehen: Es sollen die positiven Fälle hervorgehoben werden! Diejenigen, die mit gutem Willen vorangehen und sich dem Unrecht annehmen. Und das werden ständig mehr. Ein gutes Signal!

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Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?

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