Wahlhallenser für kurze Zeit

Kunsthalle "Talstrasse" | bis zum 24.2.2019

Gerhard Marcks, Das große Tuch, 1927 (Vera-Marie von Claer-Crodel, Foto Ch. Sandig)

Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks in der Kunsthalle Talstrasse

Im kommenden Jahr wird das Bauhaus 100 Jahre alt. Im Rahmen des Jubiläums zeigt der Kunstverein Talstrasse in enger Zusammenarbeit mit dem Gerhard-Marcks-Haus in Bremen erstmals Hauptwerke von Marguerite Friedlaender (1896–1985) und Gerhard Marcks (1889–1981), die in Halle an der Saale entstanden sind. Gezeigt werden auch Arbeiten, die für verschollen gehalten wurden.

Marguerite Friedlaender kam als Tochter eines deutschen Seidenhändlers und einer Engländerin, deren Eltern aus Thüringen stammten, in Lyon(Frankreich) zur Welt. Sie wuchs mit ihren Geschwistern dreisprachig auf und wurde weltoffen erzogen. 1914 legte sie in England ihr Abitur ab und ab 1919 ging sie in Weimar am Bauhaus in die Lehre. Anschließend arbeitete sie in der Töpferei des Bauhauses in Dornburg/Saale. Der Bildhauer Gerhard Marcks war hier Formmeister. Marcks wurde für sie mehr als nur ein Lehrer, es entstand eine Künstlerfreundschaft. Beide gingen 1925 als Lehrer nach Halle an die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein. Sie leitete die Keramikabteilung und war damit die erste weibliche Töpfermeisterin Deutschlands. Im Gegensatz zum Bauhaus-Gründer Walter Gropius verfolgte sie nicht dessen Ansatz, sich auf die Entwicklung von Prototypen für die Industrie zu konzentrieren. Gerhard Marcks orientierte sich an Auguste Rodin, für den die Natur die Inspirationsquelle war. Diese Maxime übernahm Friedlaender für ihr Schaffen. Die Künstlerin arbeitete ab 1929 mit der Staatlichen Porzellanmanufaktur Berlin zusammen und richtete an der Burg eine Porzellanmanufaktur ein. Es entstanden die „Halle“-Vasen, diverse Services und „Hermes“, ein Hotelgeschirr für den Leipziger Flughafen. Marguerite Friedlaender hatte sich 1925 ganz bewusst gegen eine Lehranstellung am Dessauer Bauhaus und für Halle entschieden. Die Abstraktion in der Kunst war nicht ihr Grundgedanke. Vielmehr war es die Sachlichkeit, die Schönheit der klaren Formen im Einklang mit der Natur, die sie begeisterte.

1933 wurde Marguerite Friedlaender vom halleschen Bürgermeister gebeten, ihre Stelle an der Burg aufzugeben, weil sie Jüdin war. Dadurch wollte er Entlassungen von Lehrern an der Burg vermeiden. Sie packte umgehend ihre Sachen und wurde von Gerhard Marcks zum Bahnhof begleitet. Er versuchte sich für ihre Rückkehr einzusetzen und zählte am Ende selbst zu den 13 entlassenen Lehrkräften. Von 1925 bis 1933 lehrten Friedlaender und Marcks an der Burg. 1937 wurden 86 Arbeiten von Gerhard Marcks von den Nazis beschlagnahmt und fünf davon in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in Berlin vorgeführt. Anschließend erhielt er Ausstellungsverbot. Marcks und Friedlaender kannten sich bereits seit 1919, da beide am Bauhaus Weimar waren. Sie als Schülerin, er als Lehrer. Die gemeinsame Zeit in Halle war für beide prägend im künstlerischen Schaffen. Da sie die gleichen Ansichten vertraten, was das Handwerk und die Formgebung betraf, ergänzten sie sich. Ihre Zeit an der Burg hat die Kunsthochschule nachhaltig geprägt. Bis heute.

Wir machen nach Halle. Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks
18.11.2018 – 24.2.2019
Kunsthalle „Talstrasse“
Talstr. 23
D-06120 Halle (Saale)
Tel.: +49-345-5507510
Di – Fr 14 – 19 Uhr, Sa + So 14 – 18 Uhr
Eintritt: 5 €
www.kunstverein-talstrasse.de

Erstveröffentlichung in kunst:art 64
Text Nadja Naumann | Bild Kunsthalle Talstrasse