Von der Jagd im Supermarkt bis hin zum Stocherkahnfahren

2.7. – 30.10.2022 | Kunsthalle Tübingen

Christian Jankowski, I Was Told To Go With The Flow, 2022, Foto Wynrich Zlomke

„Mit dem Zufall kommt die Komponente des Unbekannten ins Spiel, von der meine Arbeit lebt, auf die man, wie in einer Performance, spontan und unerwartet reagieren muss. Die Vielzahl von Auseinandersetzungen gibt dem Werk am Ende die Form“, sagt der 1968 in Göttingen geborene Künstler Christian Jankowski. Und so zufällig ist der Zufall dann auch wieder nicht, weil Jankowskis Grundkonzept diesen Aspekt von Anfang an mitberücksichtigt.

Der Zufall als fauler Kompromiss? Keineswegs, sondern Resultat eines künstlerischen Prozesses, bei dem es mehr um Inhalt und soziale Experimente als um Form in klassischer künstlerischer Weise geht. Die Kunstauffassung Jankowskis, der mit seinen subversiven Performances und Aktionen zu den einflussreichsten Aktions- und Konzeptkünstlern seiner Generation zählt, ist nun in der Überblicksschau „I Was Told To Go With The Flow“ in der Kunsthalle Tübingen zu erleben. Seine Jagd zwischen den Supermarktregalen, eine Arbeit von 1992, machte den damals 23-Jährigen sozusagen über Nacht bekannt. Der Künstler erlegte Joghurtbecher, Brot, ein tiefgefrorenes Hähnchen und Margarine mit Pfeil und Bogen und ernährte sich davon eine Woche.

Als Beitrag zur Biennale Venedig reichte Jankowski 1999 eine Videoproduktion ein, in der er mit italienischen Fernseh-Wahrsagerinnen telefonierte und die er über seine künstlerische Zukunft befragte. Seine in einem unbeholfenen Deutsch-Italienisch gestellten Fragen, ob sein Biennale-Beitrag ein Erfolg werde, wurden vieldeutig beantwortet. „Das Ergebnis war eine große, poetische Sprachkonfusion – und am Ende behielten die zu Kunst verwandelten Wahrsagerinnen auch noch recht. Genau diese Arbeit machte ihn berühmt“, so der Kunstkritiker Niklas Maak.

Prägend waren für Jankowski, der Anfang der 1990er-Jahre in Hamburg studierte, zum einen die partizipatorischen Ansätze eines Franz Erhard Walther wie auch der Bildverweigerer Stanley Brouwn, der wie Walther den Kunstbegriff auf die Betrachtenden hin erweiterte. Beeinflusst haben Jankowski aber auch Martin Kippenberger und Werner Büttner, die gesellschaftspolitische Themen subversiv-ironisch in Bild und Wort dekonstruierten.

Für Christian Jankowski, der eine Professur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart innehat, sind die verwendeten Medien lediglich Mittel zum Zweck. Die Neugierde und Entdeckerfreude aus der Kindheit hat sich der selbsternannte Nomade bis heute bewahrt. Sein gesellschaftsbezogener Ansatz führt den Künstler immer wieder in unbekannte Gefilde. Ob er nun auf Lebensmitteljagd geht, Wahrsagerinnen, Fernseh-Priester oder Politiker meist ohne deren Wissen in Kollaborationen verwickelt: Mit jedem neuen Werk stellt er sich der Herausforderung, normierte Grenzen zu überwinden und sich die Welt neu zu erschließen. Mit der Distanz des Forschenden begegnet er dabei auch der eigenen Kultur und bringt uns nicht zuletzt dazu, die Alltagspraxen unserer Lebenswelt wie beispielweise das traditionelle Tübinger Stocherkahnfahren aus einer ganz neuen Perspektive zu sehen. Die Ausstellung lade dazu ein, unsere Lebenswelt, Geschichte, Medien und die Kunst mit neuen Augen zu sehen, so die Direktorin der Kunsthalle Nicole Fritz.

Stefan Simon weiß als Kunsthistoriker, dass es immer auch auf die Perspektive ankommt.

Christian Jankowski. I Was Told To Go With The Flow
2.7. – 30.10.2022
Kunsthalle Tübingen
Philosophenweg 76
D-72076 Tübingen
Tel.: +49-7071-96910
Täglich 11 – 18 Uhr, Do 11 – 19 Uhr
Eintritt: 10 €, erm. 8 €
www.kunsthalle-tuebingen.de

Text: Stefan Simon
Bild: Kunsthalle Tübingen
Erstveröffentlichung in kunst:art 86