Spuren der Zeit

11.6. – 16.10.2022 | Fotostiftung Schweiz

Georg Aerni, Balma, 2021, © Georg Aerni

Das Bildmotiv ist voller Widersprüche: Inmitten von unberührter Natur mit sattem Grün und wildem Buschbestand, umgeben von bewaldeten Hängen, steht ein Stahlskelett, das von Rost zersetzt und von Unkraut überwuchert ist. „Balma“, so der Arbeitstitel, ist die Fotografie einer verlassenen Industrieanlage, die langsam, aber kontinuierlich von Pflanzen überwuchert wird.

Diese und zahlreiche weitere Aufnahmen stammen von dem Fotografen Georg Aerni, dem die Fotostiftung Winterthur die groß angelegte Einzelausstellung „Silent Transition“ widmet. Aerni, 1959 in Winterthur geboren, begann seine Karriere als Fotograf mit klassischer Architekturfotografie, auf die er sich nach seinem Architekturstudium konzentrierte. Parallel dazu schuf er ein eigenständiges Werk mit einzelnen Fotografien oder kleinen Werkserien, die sich mit dem Gegensatz von Kultur und Natur beschäftigen.

Ein Wendepunkt, der Aerni in seinem fotografischen Schaffen weiterbrachte, war ein Aufenthalt in Paris in den Jahren 1992-1994: Nachdem sich eine Anstellung als Architekt in der französischen Hauptstadt zerschlagen hatte, begann der Fotokünstler seinen neuen Wohnort zu erkunden, unter anderem verbrachte er viel Zeit beim Bouldern im Wald von Fontainebleau. Durch Zufall lernte er dort den Genfer Fotografen Maurice Vouga kennen, ein Glücksfall, denn Vouga zeigte Georg Aerni nicht nur den Umgang mit der Großformat-Fachkamera, sondern er vermittelte auch den Kontakt zu dem Pariser Museum, in dem Aerni erstmalig die Möglichkeit zu einer Einzelausstellung bekam.

Seitdem erkundet Aerni auf ausgedehnten Wanderungen die Landschaft, um Bauruinen, zerfallene Industrieanlagen oder nie fertig gestellte Bauten in Szene zu setzen. In tiefsinniger Betrachtung dokumentiert der Fotograf den stetigen, unaufhaltbaren Wandel, dem alles unterliegt.

In neueren Arbeiten hat der Fotograf sein thematisches Spektrum um aktuelle ökologische Probleme und den Klimawandel erweitert. Die Arbeit „El jardín de los ciclopes“ beleuchtet auf eindrucksvolle Weise die gewerbliche Ausbeutung der Natur: In der südspanischen Provinz Almería, die zu den trockensten Gegenden Europas zählt, wird auf einem 350 Quadratkilometer großen Areal unter riesigen Plastikplanen Gemüse angebaut. In ganz Europa hat man sich an den ganzjährigen Konsum von frischem Gemüse aus spanischen Monokulturen gewöhnt, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein: Das Absinken des Grundwasserspiegels verstärkt die ohnehin vorhandene Trockenheit in dieser Region, hinzu kommen der Einsatz großer Mengen an Pestiziden und Unmengen an Müll, der durch die Verwendung von Plastikfolien entsteht.

Doch nicht nur in der Natur finden schleichende Veränderungen statt. Aerni gelingt es, dynamische Prozesse auch im urbanen Umfeld sichtbar zu machen. In der umfangreichen Serie „Silent Transition“, nach der die Ausstellung benannt wurde, gelingt es Aerni, durch das fokussierte Ablichten von illegal und ohne Bauplan entstandenen wenig einladenden Hochhaussiedlungen an den Rändern der Metropole Kairo einen Wandel innerhalb der ägyptischen Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen.

Georg Aerni. Silent Transition
11.6. – 16.10.2022
Fotostiftung Schweiz
Grüzenstr. 45
CH-8400 Winterthur
Tel.: +41-52-2341030
Di – So 11 – 18 Uhr, Mi 11 – 20 Uhr
Eintritt: 12 CHF, erm. 10 CHF
www.fotostiftung.ch

Text: Karin Gerwens
Bild: Fotostiftung Schweiz
Erstveröffentlichung in kunst:art 86