
Präzise diffus
Ist das nun Fotorealismus? Die Gemälde des 1974 in Nordwestchina geborenen Künstlers – er kam vor 20 Jahren mit einem DAAD-Stipendium nach Deutschland, heute lebt er in Hamburg – können für Irritationen sorgen. Hier ragen beispielsweise schlanke Bambusstängel schräg über die Bildfläche, die zarten grünen Blätter leicht verwuschelt im Wind. Ein poetisches Naturbild vielleicht? Nein, denn die Pflanzen sind allseitig brutal überschnitten von einer offenbar bildparallel davorliegenden Fensterlaibung. Was wie eine aus der Hüfte geschossene und etwas unscharfe Fotografie wirken könnte, erweist sich bei näherem Hinsehen als präzise kalkulierte Bildkomposition, die ganz nonchalant die traditionelle chinesische Blumendarstellung anklingen lässt wie zugleich auch die Betonmoderne – malerisches Mittel ist eine hochgradig gekonnte, illusionistische Malerei altmeisterlicher Provenienz.
Ähnlich widersprüchliche Wirkung erzielen knackscharfe Porträts des berühmten Eames Chairs, Ikone des Mid Century Modern, hier aber gleichfalls scharf gekappt, sodass das Auge auf die zufälligen Schatten auf dem Boden gelenkt wird. Die winterliche Außenalster scheint für den Augenblick in ein duftiges chinesisches Aquarell verwandelt, doch nein, die senkrechten Streifen sind Tropfspuren auf einer davor befindlichen Glasscheibe … Ganz unschuldig „Meine Sonne“ betitelt, gibt Kailiang Yangs One-Man-Show bei Tom Reichstein in der alten Industriehalle im Oberhafen Gelegenheit, Kategorien ins Wanken zu bringen.
Kailiang Yang. Meine Sonne
18.7. – 6.9.2025
Tom Reichstein Contemporary
Stockmeyerstr. 41, Halle 4J
D-20457 Hamburg
Tel.: +49-40-76752544
Besuch nur nach Vereinbarung
Eintritt frei
www.tomreichstein.com
Text: Dieter Begemann
Bild: Tom Reichstein Contemporary
Erstveröffentlichung in kunst:art 104







