Ein über 400 Jahre verschollenes Kreuzigungsbild von Peter Paul Rubens ist in Versailles für 2,94 Millionen Euro versteigert worden. Das Werk war zuvor als unbedeutendes Werkstattbild verkannt worden.
Das Auktionshaus Osenat versteigerte das Gemälde „Christus am Kreuz“ am vergangenen Samstag im südwestlich von Paris gelegenen Versailles, wobei der Hammerpreis bei 2,3 Millionen Euro lag und mit dem üblichen Aufgeld von 26 Prozent ein Endpreis von 2,94 Millionen Euro erreicht wurde. Der Käufer blieb anonym. Noch im September 2024, als Auktionator Jean-Pierre Osenat das Bild bei einer Nachlassinventarisierung in einem Pariser Stadthaus im 6. Arrondissement entdeckte, hatten die Besitzer es auf weniger als 10.000 Euro geschätzt.
Das 105,5 mal 73,5 Zentimeter große Ölgemälde auf Eichenholz entstand 1613 und zeigt den gekreuzigten Christus vor einem dramatisch verdunkelten Gewitterhimmel, im Hintergrund die Stadt Jerusalem unter Regenschleiern. Die Provenienz ließ sich bis zum französischen Akademiemaler William-Adolphe Bouguereau zurückverfolgen, dessen Nachkommen das Werk über Generationen vererbten, ohne seinen wahren Wert zu erkennen.
Centrum Rubenianum bestätigt Eigenhändigkeit
Die wissenschaftliche Authentifizierung übernahm Nils Büttner, Präsident des Centrum Rubenianum in Antwerpen und damit der weltweit maßgeblichen Institution für Rubens-Forschung. Sein Team setzte Röntgenbildgebung, Pigmentanalyse und mikroskopische Farbschichtuntersuchung ein, wobei die entdeckten blauen und grünen Pigmente in den Hauttönen als charakteristisches Merkmal von Rubens‘ Maltechnik gelten. Nach Abschluss der Analyse teilte Büttner dem Auktionator mit, man habe einen neuen Rubens gefunden.
Die kunsthistorische Bedeutung des Fundes liegt in seiner ikonographischen Einzigartigkeit: Es handelt sich um das einzige bekannte Rubens-Gemälde, das Blut und Wasser aus der Seitenwunde Christi zeigt. Obwohl Rubens zahlreiche Kreuzigungsszenen malte, stellte er den toten Christus am Kreuz nur selten dar. Das Werk wird in die nächsten Addenda des Corpus Rubenianum Ludwig Burchard aufgenommen, das rund 2.500 Kompositionen des flämischen Barockmalers dokumentiert.
Preis im mittleren Segment des Rubens-Marktes
Im Kontext des Rubens-Marktes ordnet sich der Zuschlag im mittleren Segment ein, zumal der Rekordpreis für ein Rubens-Werk bei 76,7 Millionen Dollar liegt, die 2002 bei Sotheby’s London für „Das Massaker der Unschuldigen“ erzielt wurden. Für ein mittelformatiges religiöses Motiv mit dokumentierter Eigenhändigkeit und lückenloser Provenienz gilt der Preis als marktgerecht. Die Unterscheidung zwischen eigenhändigen Werken und Werkstattproduktionen bleibt das zentrale Authentizitätsproblem bei Rubens, da ein nachgewiesenes Autograph Millionen erzielen kann, während Werkstattwerke oft unter 100.000 Euro bleiben.
