Ein Kommentar von Mathias Fritzsche
Ein großer Aufreger 2025 ist die Künstliche Intelligenz (in Folge „KI“) und ihr Einzug in alle Lebensbereiche, so auch in die Kunst. Da stehen große Fragen im Raum: Verändert KI die Kunst? Macht KI Künstlerinnen und Künstler überflüssig? Wird man noch erkennen, wer der Urheber eines Kunstwerks ist? Greift KI Urheberrechte an und verletzt diese sogar? Kann KI überhaupt wirklich „kreativ“ sein, etwas „Neues“ entwickeln?
Auch wenn Vergleiche hinken, so schauen wir doch zuerst in die Geschichte. Der französische Schriftsteller Charles Baudelaire (1821–1867) sagte 1859 zur Fotografie: „Die Fotografie ist der Todfeind der Malerei, sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und Faulen“. Mit dieser Vermutung war Baudelaire nicht allein und es dauerte bis tief ins 20. Jahrhundert, bis Fotografie als eine Kunstgattung akzeptiert wurde.
Die Zeiten werden schnelllebiger und so ging es zum Beispiel mit Videos sehr viel schneller, man denke nur an frühe Werke von Nam June Paik (1932–2006). Computerkunst, die es seit den Anfängen der Computer gibt und damit länger als Videokunst, hat es da schwerer. Vera Molnár (1924–2023), eine der Pionierinnen der Computerkunst, hatte damit bis zuletzt zu kämpfen.
Eines zeigt sich aber bei Fotografie, Videokunst und bei Computerkunst: Ist auch die Ablehnung anfänglich groß, so setzt sich die Kunst letztlich durch. Der Künstler hält ja am Ende die Zügel in der Hand und bestimmt das Motiv oder was der Computer machen soll. Das Medium wird zum Instrument, zum Pinsel des Künstlers oder der Künstlerin.
Hat die anfängliche Skepsis gegenüber dem Neuen, gegenüber dem technischen Hilfsmittel auch etwas Gutes gehabt? Man darf daran zweifeln, denn letztendlich setzt sich ja durch, was die Menschen mitnimmt, seien es Kritiker oder Museumsbesucherinnen.
Aber KI ist anders. KI kann scheinbar kreativ sein. Eine KI wird mit wenigen, manchmal auch sehr vielen Worten dazu gebracht, etwas zu machen, zu kreieren. Das können auch Bilder sein, Videos, Zeichnungen. Mit der entsprechenden Apparatur, einer Maschine oder einem Androiden kann eine KI auch „echte“ Bilder, auch Ölbilder erschaffen.
Ist das dann bereits Kunst? Oder wird es zur Kunst, wenn ein Mensch, bestenfalls ein Künstler, die initiierenden Befehle, „Prompt“ genannt, gegeben hat? Ist dann die KI ein Hilfsmittel? Der Pinsel, der Bleistift des Künstlers?
Möglicherweise ist es viel komplizierter und auch viel einfacher, als wir alle denken. Kommen wir zurück zu Computern, Video und Fotografie. In all den Bereichen gibt es hervorragende Designer, Filmer und Fotografen. Und dennoch können wir recht klar unterscheiden, was Kunst ist und was Design oder Grafik. Und wenn ein Designer schon fast künstlerisch arbeitet, dann ist das doch großartig. In der Regel aber wird nicht alles, was perfekt designt wird, auch gleich für Kunst gehalten. Warum sollte das bei KI-unterstützten Bildern anders sein?
Es gibt auch jetzt schon Menschen, die sehr gut malen können oder zeichnen. Trotzdem sind sie aber keine Künstler. Das Gesamtpaket dessen, was wir als Kunst und als Künstler ansehen, ist komplexer. Es ist nicht nur das fertige Bild, was das Bild zur Kunst macht. Es ist der Künstler, der Prozess, sein Leben. Und wenn am Ende ein „normaler“ Mensch mit seinen Prompts eine KI dazu bringt, etwas zu gestalten, was wir für Kunst halten, vielleicht ist der „normale“ Mensch dann doch ein Künstler und weiß es nur noch nicht?
Und obwohl wir mit der Frage begonnen haben, ob die KI das Ende der Kunst sei, so sind wir jetzt bei den Fragen angelangt: „Was ist Kunst“ und „Wer ist ein Künstler?“. Vielleicht ist die KI zwar nicht das Ende der Kunst, wie wir sie kennen, und zugleich aber doch der Beginn einer Kunst, wie wir sie noch nicht kennen?