Eine geplante Retrospektive der Arte-Povera-Künstlerin Marisa Merz im Kasseler Fridericianum wird nicht stattfinden. Die Turiner Fondazione Merz verweigerte die Unterzeichnung des Documenta-Verhaltenskodex.
Die Ausstellung hätte vom 30. August 2025 bis zum 18. Januar 2026 gezeigt werden sollen und war als Kooperation mit dem LaM Lille Métropole und dem Kunstmuseum Bern konzipiert, wobei letzteres seine Version der Schau planmäßig vom 31. Januar bis zum 1. Juni 2025 präsentiert. Beatrice Merz, Tochter der 2019 verstorbenen Künstlerin und Präsidentin der Fondazione Merz, begründete die Absage in einem Interview mit dem Monopol-Magazin mit ihrer Ablehnung der im Verhaltenskodex verankerten Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance.
„Eine Zusammenarbeit mit dem Museum Fridericianum hätte bedeutet, den Code of Conduct des Museums zu akzeptieren, der die Antisemitismus-Definition der IHRA anwendet – eine Definition, der ich nicht in jedem Punkt zustimme“, erklärte Merz. Sie hätte stattdessen die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus bevorzugt, eine 2021 von über 200 Wissenschaftlern formulierte Alternative, die als differenzierter im Umgang mit Israel-Kritik gilt. Kunst dürfe nicht durch Grenzen eingeschränkt werden und müsse frei von Vorurteilen sein, so Merz weiter.
Verhaltenskodex als Reaktion auf Documenta-15-Skandal
Der im Februar 2025 eingeführte Code of Conduct ist eine direkte Folge des Antisemitismus-Eklats bei der Documenta 15 im Jahr 2022, als ein Banner des indonesischen Kollektivs Taring Padi mit antisemitischen Bildmotiven internationale Empörung auslöste und zum Rücktritt der damaligen Generaldirektorin Sabine Schormann führte. Der Kodex bindet alle Mitarbeitenden der Documenta gGmbH an die IHRA-Definition, nimmt jedoch die künstlerische Leitung ausdrücklich aus, um die Kunstfreiheit zu wahren.
Documenta-Geschäftsführer Andreas Hoffmann bestätigte die Absage mit diplomatischen Worten: Die Rahmenbedingungen für die geplante Ausstellung hätten sich nicht vollständig gedeckt, man respektiere die Entscheidung der Fondazione. Der Code of Conduct sei für externe Partner nicht bindend, die Kunstfreiheit gelte uneingeschränkt für die kuratorische Arbeit. Die Frage, warum die Fondazione dennoch zur Unterzeichnung aufgefordert wurde, blieb offen.
Erste konkrete Auswirkung des umstrittenen Kodex
Der Fall ist die erste dokumentierte Absage einer Ausstellung aufgrund des neuen Verhaltenskodex und dürfte die Debatte über dessen Auswirkungen auf internationale Kooperationen neu entfachen. Bereits bei der Verabschiedung im Februar hatten rund 4.000 Unterzeichner der Initiative #standwithdocumenta vor einer Abschreckung internationaler Künstler gewarnt, während der hessische Kulturminister Timon Gremmels den Kodex als wichtiges Signal einer weltoffenen Institution begrüßt hatte.
Marisa Merz, die 1926 in Turin geboren wurde und als einzige Frau eng mit der Arte-Povera-Bewegung verbunden war, hatte selbst zweimal an der Documenta teilgenommen, 1982 und 1992. Für ihr Lebenswerk erhielt sie 2013 den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig. Die Fondazione Merz, die Beatrice Merz 2005 nach dem Tod ihres Vaters Mario Merz gründete, plant für Ende 2026 eine große Retrospektive in Turin. Anstelle der Merz-Schau zeigt das Fridericianum nun Werke von Robert Grosvenor und Portia Zvavahera.


