
Mythos zwischen Welten
Von Indien über China, Persien und Ägypten bis Europa; die Gestalt ähnlich Ziege, Rind, Gazelle oder auch Pferd – so hat sie bereits tausende Jahre und Kilometer zurückgelegt, die noch heute beliebte Vorstellung des Einhorns. Oder womöglich ist sie heute sogar beliebter denn je, wurde dieses mythische Wesen im vergangenen Jahrzehnt doch zu einem ikonischen Motiv der Popkultur. Schier unendliche Mengen an Merchandise scheinen für Klein und Groß zu kursieren, das eigene Emoji ist eine Selbstverständlichkeit, während die Ästhetik zwischen niedlich und leuchtend bunt changiert. Da scheint die historische Motivik, die nicht selten das Einhorn in aggressiver Auseinandersetzung mit den wildesten der Tiere oder in kriegerischen Begegnungen mit Menschen zeigt, heute zuweilen fast einer anderen Welt zu entstammen.
Grund genug, einen so umfassenden, diachronen Blick auf die Entwicklung des Einhorn-Motivs zu werfen, wie es nun im Museum Barberini stattfinden wird: Die Ausstellung versammelt in neun Sälen des Museums rund 150 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, illuminierte Manuskripte, Plastiken und Tapisserien. Direktorin Ortrud Westheider freut sich, dass über 80 Leihgeber aus 16 Ländern das Projekt unterstützen: „Viele dieser Werke werden nur selten ausgeliehen.“
Dies ermöglicht eine tiefgehende Untersuchung der mannigfaltigen Facetten des Motivs. Während beispielsweise ein monumentales Gemälde von Maerten de Vos aus dem Jahr 1572 das Einhorn machtvoll und kampfbereit darstellt, zeigt eine tibetische Plastik für einen buddhistischen Tempel im 18. Jahrhundert mit einem knienden Einhorn eine wesentlich demütigere Tendenz. Letztere bleibt aber in der Minderheit, denn auf einer persischen Fliese aus dem 13. Jahrhundert kämpft das Einhorn gegen den Elefanten, auf einem Wandteppich von etwa 1625 gegen Löwen und Panther. Alternativ wird es zum Gejagten, wie jenes ganze Heer von Einhörnern, dem nach einem Manuskript aus dem 13. Jahrhundert Alexander der Große den Kampf ansagt, oder auch das Einhorn eines Altargemäldes des Erfurter Doms von etwa 1480, das der Erzengel Gabriel zur Jungfrau Maria jagt.
Oszillierend zwischen roher Unbezähmbarkeit, christlicher Reinheitssymbolik und medizinischer Wunderzutat, wurde die Existenz des Einhorns bis ins 17. Jahrhundert von niemandem angezweifelt – schließlich wurde es mehrfach in der Bibel erwähnt. Doch die Wissenschaft des 16. Jahrhunderts hinterfragte Quellen immer intensiver, und Naturforscher des 17. Jahrhunderts bewiesen die tatsächliche Herkunft des „Einhorn-Horns“ vom Narwal. So findet sich Anfang des 18. Jahrhunderts in einem wissenschaftlichen Buch bei einer Abbildung des pferdähnlichen Einhorns die Bezeichnung „Unicornu fictitium“, erfundenes Einhorn.
Ungeachtet solcher Erkenntnisse blieb die Gestalt Teil des Bildgedächtnisses sowie unzähliger Kunstkammern. „Das Einhorn ist magisch. Das mythische Wesen ist ein vielschichtiges Zeichen, von dem eine besondere assoziative Energie ausgeht“, erklärt Michael Philipp, Kurator der Ausstellung, jenen Kern der Faszination, dem das Ausstellungsthema entspringt: Der übernatürliche Status des Fabeltiers, das einer anderen Welt als der alltäglichen angehört, als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Ideale.
Ninja Elisa Ohls-Felske ist Kunsthistorikerin und forscht zu Inklusion in der musealen Praxis.
Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst
25.10.2025 – 1.2.2026
Museum Barberini
Humboldtstr. 5–6
Alter Markt
D-14467 Potsdam
Tel.: +49-331-236014499
Mo + Mi – So 10 – 19 Uhr
Eintritt: 16 – 18 €, erm. 10 €
www.museum-barberini.de






