Kunst direkt ins Postfach

Der kunst:letter – jeden Montag & Donnerstag

  • Ausstellungen
  • Kunstnews
  • Presseschau

Mit der Anmeldung erklären Sie sich mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.

Fast geschafft!

Wir haben Ihnen eine E-Mail mit einem Bestätigungslink geschickt. Bitte klicken Sie auf den Link, um Ihre Anmeldung abzuschließen.

Keine E-Mail erhalten?Schauen Sie bitte auch in Ihren Spam-Ordner.

Vielschichtige Einsichten in ein bahnbrechendes Œuvre der Klassischen Moderne

22.11. - 22.3.2026 | Kunstmuseum Ravensburg

Gabriele Münter, Bootsfahrt mit Kandinsky, um 1910

Gabriele Münter im Kunstmuseum Ravensburg

„Ich male nicht die Natur, sondern meine Natur“. Ein Satz, der wie ein Schlüssel zur Ausstellung wirkt. Mit der Ausstellung „Aufbruch in Form und Farbe“ würdigt das Kunstmuseum Ravensburg Gabriele Münter (1877–1962) als eine der zentralen Künstlerinnen des deutschen Expressionismus und als prägende Stimme der europäischen Avantgarde. Anhand von rund fünfzig Gemälden aus sechs Jahrzehnten zeichnet die Schau ein vielschichtiges Bild eines Œuvres, das weniger durch lineare Entwicklung als durch Brüche, Neuanfänge und stilistische Vielfalt gekennzeichnet ist. Ausgangspunkt der Präsentation sind die Bestände der Sammlung Selinka. Ein besonderer Fokus liegt auf den Jahren 1908 bis 1914, der produktivsten Phase Münters, in der sie in Murnau am Staffelsee zu ihrer unverwechselbaren Bildsprache fand. Klare Konturen, kräftige Farbkontraste und eine bewusste Vereinfachung der Formen prägen diese Arbeiten. Münters eigenes Credo – sie habe nicht mehr die „nachrechenbare richtige Form der Dinge“ gesucht, sondern die Welt dargestellt, wie sie ihr wesentlich erschien, wird hier anschaulich eingelöst.

Die Ausstellung macht zugleich deutlich, dass Münters Bedeutung weit über ihre Rolle im Umfeld des Blauen Reiters hinausgeht. Die Ausstellung vermeidet es, sie lediglich als Partnerin Wassily Kandinskys zu lesen. Stattdessen tritt eine Künstlerin hervor, die ihren eigenen Weg ging und sich gegen Widerstände behauptete. Ihr maßgeblicher Anteil an der Neuen Künstlervereinigung München und am ästhetischen wie emanzipatorischen Projekt des Blauen Reiters wird sichtbar, ebenso werden spätere Lebens- und Werkphasen beleuchtet. Reisen durch Europa und Nordafrika, die intensive Auseinandersetzung mit Landschaft und Stadt, aber auch ihre fotografischen Arbeiten erweitern den Blick auf eine Künstlerin, die stets offen für neue Eindrücke blieb. Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung der experimentellen Phasen. So zeigen mehrere Werke aus den Jahren 1914/15 Münters Annäherung an gegenstandslose Malerei, etwa in der Serie der Caféhausszenen, die vom erkennbaren Interieur bis zur nahezu abstrakten Farbkomposition reicht. Auch die Zeit in Skandinavien während des Ersten Weltkriegs, geprägt von Isolation und finanzieller Unsicherheit, wird anhand von Stadtlandschaften und Porträts differenziert nachvollziehbar. Die späteren Jahrzehnte belegen Münters stilistische Beweglichkeit: Einflüsse der Neuen Sachlichkeit, Rückgriffe auf expressionistische Motive, konventionellere Arbeiten in der NS-Zeit und schließlich eine zweite abstrakte Phase in den 1950er-Jahren stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Ausstellung zeigt eine Künstlerin, die ihr Repertoire bewusst variierte, ohne ihre künstlerische Eigenständigkeit aufzugeben. In Ravensburg gelingt es, Münters Innovationskraft und ihren beharrlichen Eigensinn deutlich zu machen. „Aufbruch in Form und Farbe“ ist damit nicht nur eine starke Würdigung, sondern eine Einladung, Gabriele Münter als konsequent moderne Künstlerin neu zu entdecken.

Stefan Simon weiß als Kunsthistoriker, dass es auch immer auf die Perspektive ankommt.

Gabriele Münter. Aufbruch in Form und Farbe
22.11. – 22.3.2026
Kunstmuseum Ravensburg
Burgstr. 9
D-88212 Ravensburg
Tel.: +49-751-822685
Di 14 – 18 Uhr, Mi – So 11 – 18 Uhr, Do 11 – 19 Uhr
Eintritt: 9 €, erm. 6 €
www.kunstmuseum-ravensburg.de

Text: Stefan Simon
Bild: Kunstmuseum Ravensburg
Erstveröffentlichung in kunst:art 107

Anzeige
Anzeige