
Nägel in Remagen
Betrachtet man die bekannten Werke dieses Künstlers, so ist man zunächst erstaunt. Ganze Miniaturwälder aus Nägeln bevölkern Holzplatten oder Stämme, mal geordnet und in sauberer Reihung, mal scheinbar chaotisch und kreuz und quer. Nägel sind das prägende Material in Günther Ueckers Œuvre.
Günther Uecker (1930–2025) lernte nach einer Anstreicher- und Schreinerlehre Malerei in Wismar und in Berlin-Weißensee. Nach seiner Flucht in den Westen studierte er dann von 1955 bis 1957 bei Otto Pankok an der Kunstakademie Düsseldorf weiter. Schon 1956 entstanden seine ersten Nagelreliefs, die ihn sein Leben lang begleiten sollten.
Nägel sind prägend für Uecker und mit Nägeln in der Kunst wird sein Name auch aufs Engste verbunden bleiben, denn kein anderer Künstler hat Nägel in dieser Intensität und so bildgebend verwendet wie Uecker.
Dennoch gab es auch schon Künstler vor Uecker, die Nägel im Werk verwendet haben. Man denke dabei an Vladimir Tatlin (1885–1953), der mit seinen Eckreliefs bekannt wurde. Auch er benutzte Nägel. Zwar verwendet er sie in ihrer angestammten Funktion, um etwas zu befestigen, doch gut sichtbar tragen sie zur Ästhetik bei. Deutlicher wird es bei Man Ray (1890–1976) in seinem Werk „Cadeau“ (1921), wo Nägel an der flachen Seite eines Bügeleisens in einer Reihe befestigt sind. Auch Kurt Schwitters (1887–1948) hat ein Werk mit bildprägenden Nägeln geschaffen: „Untitled (Das Nagelbild)“ von 1939.
Besonders spannend in diesem Zusammenhang sind die „Nagelmänner“ um 1915 in Deutschland und Österreich. Hierbei handelt es sich um Holzskulpturen, die mit Nägeln behauen wurden, was teilweise sehr dicht geschah. Diese „Nagelmänner“ waren aber weniger künstlerisch zu betrachten, es handelt sich hierbei vielmehr um Propaganda des Staates. Wer spendete, durfte einen Nagel in die Skulptur hauen und das Geld kam dann zum Beispiel den Kriegswitwen zugute.
Das alles zeigt zwar, dass Günther Uecker den Nagel in der Kunst nicht komplett erfunden hat, aber zugleich machen diese vereinzelten, mühsam zu findenden Beispiele auch deutlich, welch kreative Leistung Uecker damit vollbrachte, die Nägel in dieser Weise zu verwenden, wie er es tat. Als Objekt ist Ueckers Werk damit wahrscheinlich den Reliefs von Tatlin noch am nächsten, in der puren Quantität der Nägel sicherlich den „Nagelmännern“ von 1915, aber in der Einzigartigkeit und prägenden Kraft erinnert das Werk Ueckers wohl stark an das Lucio Fontanas. Der eine brachte der Kunst den Nagel, der andere brachte ihr den Schnitt in die Leinwand und beide fügen dem Bildträger damit bewusst Schaden zu und verletzen ihn.
Das Arp Museum in Remagen zeigt nun die erste Uecker-Ausstellung nach seinem Tod und, wie das Museum betont, die letzte, an der er noch selbst in der Vorbereitung mitgewirkt hat. Insgesamt werden 45 Werke aus siebzig Jahren gezeigt, die zumindest einen Einblick in das Œuvre eines international bedeutenden Künstlers verschaffen.
Mathias Fritzsche ist Chefredakteur der Zeitung kunst:art.
Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt
8.2. – 14.6.2026
Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Hans-Arp-Allee 1
D-53424 Remagen
Tel.: +49-2228-942516
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 12 €, erm. 9 €
www.arpmuseum.org
Text: Mathias Fritzsche
Bild: Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Erstveröffentlichung in kunst:art 107





