So nah, dass es weh tut. Radierungen von Lucian Freud im Martin-Gropius-Bau

22.7. – 22.10.2017 | Martin-Gropius-Bau Berlin

Lucian Freud, Girl Sitting, 1987; Radierung, 61 x 77,5 cm. © The Lucian Freud Archive/Bridgeman Images, UBS Art Collection.

von Dieter Begemann //

Wenig Zweifel können daran bestehen, dass Lucian Freud zu den bedeutendsten Künstlern im Großbritannien der Nachkriegszeit gehört. Aus dem Sammlungsbestand der „UBS Art Collection“, eine der international renommiertesten Unternehmenskollektionen, kommt nun eine Ausstellung in den Berliner Martin-Gropius-Bau, die einen ganz besonderen Aspekt dieses so eindringlichen Werks in den Blick nimmt, die Radierungen. Zählen oftmals druckgrafische Blätter eher zum Nebenwerk der meisten Maler, so hat sich Freud tatsächlich über die Jahre immer wieder mit dem Medium auseinandergesetzt. Auch der Kunstmarkt honoriert die Qualität der Radierungen, erzielten doch auf Auktionen gelangte Exemplare letzthin wirklich erstaunliche Preise (an die 100.000 Pfund Sterling; Kleingeld freilich, vergleicht man es mit den Rekordsummen, die seine Gemälde erzielen, um die 50 Millionen Dollar).

Lucian Freud wurde 1922 in Berlin geboren als Sohn des Architekten Ernst Ludwig Freud und seiner Frau Lucie. Der Enkel des Begründers der Psychoanalyse floh 1933 (fünf Jahre vor seinem berühmten Großvater) mit seiner Familie nach Großbritannien. Als Dank für den gewährten Schutz übrigens vermachte der Künstler bei seinem Tod 2011 der Londoner National Gallery ein in seinem Besitz befindliches Porträt von der Hand Camille Corots. Über eine Reihe von Ausbildungsstätten, von denen die bekannteste das Goldsmith’s College in London war, gelangte Freud in den 1950ern zu einer Position als Maler, die sich von der vorherrschenden Abstraktion absetzte durch ihr entschiedenes Festhalten an der Figürlichkeit. War seine Malerei anfangs von einem surrealistischen Akzent gefärbt, so entwickelte der Künstler in der Folge einen höchst eigenwilligen Ansatz, der auf die psychologische Tiefenbohrung aus war. Besonders zu seinem Recht kam dieser persönlichkeitsanalytische Blick bei Modellen aus dem engeren persönlichen Umfeld, also Menschen, die dem Künstler bestens bekannt waren.

Der für die Berliner Schau passend gewählte Titel „Closer“ bezieht sich nun darauf, dass Freud, vergleicht man malerische und grafische Darstellungen desselben Sujets, bei seinen Radierungen noch weit mehr das jeweilige räumliche Umfeld ausblendet, um seinem Modell wortwörtlich auf die Pelle zu rücken. Er stößt dabei in Zonen weit jenseits der Behaglichkeit vor, der eigenen wie der des Gegenübers: „Ich möchte Dinge tun, die wirklich anstrengend sind“, bekennt er einmal freimütig. Das meint die physische Intensität des Arbeitens an der Platte, aber vor allem kommt so die Hinfälligkeit des menschlichen Fleisches erbarmungslos in den Blick. Falten, Bauch und Poren lassen jeden Anflug von Selbstinszenierung zerplatzen. Zwar meinte Freud einmal: „Mein Werk ist rein autobiographisch“, aber dennoch oder deswegen gelangen ihm erschütternde Blicke auf die condition humaine des 20. Jahrhunderts, die darüber hinaus Gültigkeit behalten. Die Werke kommen übrigens hier erstmals an den Geburtsort des Künstlers zurück.

Text aus der kunst:art 56

Lucian Freud: Closer. Radierungen aus der UBS Art Collection
22.7. – 22.10.2017, Martin-Gropius-Bau Berlin
Niederkirchnerstr. 7
D-10963 Berlin
Tel.: +49-30-254860
Mo + Mi – So 10 – 19 Uhr
Eintritt: 10 €, erm. 7 €
www.berlinerfestspiele.de

 

Über Dieter Begemann 66 Artikel
Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!

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