Alles hängt zusammen

7.7. – 12.11.2023 I Kunstraum Dornbirn

Chiharu Shiota, Lost Words, 2017 (Museum Nikolaikirche, Berlin)

Chiharu Shiota im Kunstraum Dornbirn

„Who am I tomorrow?“, fragt die japanische Künstlerin Chiharu Shiota in einer gleichnamigen Installation, die sie eigens für die Montagehalle des Kunstraums Dornbirn entwickelt hat. Unterhalb der Zimmerdecke erstreckt sich auf einer Länge von rund fünf Kilometern ein Gewirr aus Schläuchen, das so dicht und in sich verschlungen ist, dass es den oberen Gebäudebereich vollständig auskleidet und man regelrecht das Gefühl hat, unter einer Wolke hindurch zu wandern. 

Das komplexe Gebilde stellt einen Blutkreislauf dar, der getrennt von seinem Organismus nur künstlich mit Hilfe von medizinischen Pumpen aufrecht erhalten werden kann und so die in seinen Schläuchen befindliche rote Flüssigkeit weiter pulsieren lässt. Das System ist an einigen Stellen nicht in sich geschlossen, ein Teil der Flüssigkeit fließt aus den Schläuchen in Erlenmeyerkolben, wie man sie von chemischen Experimenten oder aus dem Bereich der Medizin kennt.

Shiota verarbeitet eigene Erfahrungen wie Krankheit, Verletzlichkeit und Trauer in ihrer Kunst zu einer allgemein verständlichen Sprache voller tiefsinniger Symbolik. Dabei bleibt sie stets dezent und unaufdringlich und überlässt es dem Betrachter, welche Schlüsse er aus den Werken zieht. 

Spätestens seit ihrer Teilnahme an der Biennale von Venedig im Jahr 2015 sind ihre beeindruckenden, wunderschönen Fadeninstallationen aus langen miteinander verwobenen roten, weißen oder schwarzen Garnfäden legendär, in die sie Alltagsgegenstände wie Brillen, Bücher, Möbel, ein Klavier und als immer wieder kehrendes Motiv Kleider einarbeitet. Kleider haben bei Chiharu Shiota eine ganz besondere Bedeutung: Als quasi zweite Haut sind sie Symbol für den Übergang vom Inneren zum Äußeren, vom Menschen zum Universum, vom Leben zum Tod. 

Für die Räumlichkeiten in Dornbirn hat sie eine neue Installation realisiert, die so bisher noch nicht zu sehen war. Der tiefsinnige Gedanke, der allen ihren Arbeiten zugrunde liegt, ist auch in „Who am I tomorrow?“ zu finden. Die Installation berührt emotional und legt Fragen der eigenen Existenz offen. Das Schlauchsystem ist in sich verwickelt und steht als Metapher für Beziehungen aller Art, der Schlauch kann verbindendes Element sein, aber auch ins Leere laufen und im wahrsten Sinne „ausbluten“. 

Chiharu Shiota wurde 1972 in der Präfektur Osaka in Japan geboren. Ihr Kunststudium begann sie 1992 in Kyoto an der Seika-Universität. Nach ihrem Umzug nach Deutschland machte sie ihren Abschluss bei Marina Abramović an der Berliner Hochschule der Künste. Ihren ursprünglichen Plan, sich der Malerei zu widmen, gab sie 1994 auf, als sie sich als Zeichen ihrer künstlerischen Neuausrichtung in der kompromisslosen Performance „Becoming Painting“ mit Emaillefarbe übergoss.

Chiharu Shiota. Who am I Tomorrow?
7.7. – 12.11.2023
Kunstraum Dornbirn
Jahngasse
A-6850 Dornbirn
Tel.: +43-5572-55044
Täglich 10 – 18 Uhr
Eintritt: 4 €, erm. frei
www.kunstraumdornbirn.at

Text: Karin Gerwens 
Bild: Kunstraum Dornbirn
Erstveröffentlichung in kunst:art 92