Landschaftsgemälde von Otto Dix im Bündner Kunstmuseum Chur

22.6. – 27.10.2024 | Bündner Kunstmuseum Chur

Otto Dix, San Gian im Winter, 1938

Otto Dix und die Schweiz

Otto Dix (1891–1969) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Sein engagierter Realismus machte ihn in den 1920er-Jahren als Maler der Neuen Sachlichkeit berühmt. 1933 wird Otto Dix aus seiner Professur an der Dresdner Akademie entlassen und erhält als sogenannter „entarteter“ Künstler schließlich Ausstellungsverbot. Er zieht daraufhin nach Randegg bei Singen, drei Jahre später nach Hemmenhofen auf die Höri am Bodensee.

Mit der inneren Emigration von Otto Dix in der Zeit des Nationalsozialismus beginnt ein neues Kapitel im malerischen Werk des Künstlers. Der Großstadt entzogen, die ihm die Themen zu seinen hintergründigen Menschengestaltungen liefert, sucht Otto Dix nun, auch unter dem Zwang der politischen Vorgaben, in der Landschaft sein neues künstlerisches Ausdrucksmittel zu entdecken. Die Landschaftsbilder der späten dreißiger und der vierziger Jahre zeigen einen scheinbar gewandelten Künstler, der nun in fast altmeisterlicher Manier, beeinflusst von der Donauschule des 16. Jahrhunderts, allen voran von der Malerei Albrecht Altdorfers und Martin Schongauers, seine Motive sucht. Doch die vordergründig harmlosen, menschenlosen Landschaften haben ihre eigene Dynamik. Da ist auf der einen Seite die sichtbar malerische Perfektion, mit der Otto Dix seine Landschaften ausstattet, und zum anderen eine geheime, fast mystische Botschaft, die über allen diesen Landschaften zu schweben scheint und deren Entschlüsselung dem Betrachter Rätsel aufgibt.

Die Schweiz ist in den 1930er-Jahren ein wichtiger Referenzpunkt in Otto Dix’ malerischem wie zeichnerischem Werk. Seine künstlerischen und biografischen Verbindungen in die Schweiz wurden bisher aber wenig beachtet. Das Bündner Kunstmuseum geht dem nun in einer spezifischen Ausstellung sowie einer ausführlichen Publikation nach. Im Zentrum der Ausstellung stehen die Werke von Otto Dix, die Ende der 1930er-Jahre entstanden sind, als sich der Künstler längere Zeit zur Kur im Engadin aufhielt, und die bisher noch nie zusammen gezeigt wurden. Das Gemälde „San Gian im Winter“ (1938) aus der Sammlung des Bündner Kunstmuseums kann so erstmals in einem größeren Kontext von weiteren Ölbildern und einer Reihe überaus feiner Zeichnungen gezeigt werden. Trotz ihrer scheinbaren Naturnähe sind diese Landschaften lediglich auf der Basis von zeichnerischen Naturbeobachtungen komponiert und entstehen dann aber schließlich im Atelier. In altmeisterlicher Feinmalerei wird jedes Detail der Vegetation – Äste, Blattwerk, Berge und Eis – in geradezu übersteigerter Realitätstreue wiedergegeben. Und so zeichnen sich auch diese geradezu apokalyptisch erscheinenden Landschaften den vorangegangenen figürlichen Darstellungen des Künstlers entsprechend durch eine starke gesellschaftskritische Komponente aus. Das Bild „Gletscher im Engadin“ (1938) ist mit seinen sich hinter einer absterbenden Lärche zu einem unheilvollen Ganzen zusammenbrauenden Wolken- und Eismassen beispielhaft für diese visionären Landschaftsgemälde von Otto Dix.

Stefan Simon lebt und arbeitet als freier Autor in Süddeutschland.

Otto Dix und die Schweiz
22.6. – 27.10.2024
Bündner Kunstmuseum Chur
Bahnhofstr. 35
CH–7000 Chur
Tel.: +41-81-2572870
Di – So 10 – 17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Eintritt: 15 CHF, erm. 12 CHF
www.kunstmuseum.gr.ch

Text: Stefan Simon
Bild: Bündner Kunstmuseum Chur
Erstveröffentlichung in kunst:art 97