Bernard Aubertin im Kunstmuseum Reutlingen

18.5. – 20.10.2024 | Kunstmuseum Reutlingen

Bernard Aubertin, Bois martelé, 1960

Die Farbe Rot in ihren vielen Facetten

„Durch das Rot habe ich das Gefühl, mich mit dem Feuer zu identifizieren, mit diesem Feuer, das ich besitzen möchte und das ich mir tatsächlich (…) aneignen sollte (…)“, postuliert Aubertin 1969 in seinem Manifest „Triumphierendes Feuer“. Bereits 1957, inspiriert durch einen Atelierbesuch bei Yves Klein in Paris, wendet sich Bernard Aubertin (1934–2015) ebenfalls der monochromen Malerei zu. Er wählt ein pulsierendes Rot zu seiner Farbe und überzieht fortan alle Nagelobjekte und Gemälde mit diesem charakteristischen Rot. Das Resultat sind monochrome, faszinierende Werke, in denen sich die Essenz und Vielschichtigkeit der Farbe ausdrückt. So impliziert die Farbe Rot eine spannende Dichotomie: Auf der einen Seite steht sie für Energie, Feuer, Gewalt, Blut, auf der anderen Seite für eine unendliche Klarheit und Kraft.

1960 erweitert Aubertin sein Repertoire um das Element Feuer, das die Manifestation dieser Farbe ist. Die abgebrannten Streichhölzer, Zeugnisse der Spontaneität der Flamme, werden zu seriell arrangierten, abstrakten Kompositionen. Der Entstehungsprozess bleibt im Werk sichtbar, und gleichzeitig wird die destruktive Kraft des Feuers zum Symbol für Neuentstehung und Wandlung. Als ein weiteres Ausdrucksmittel entdeckt Bernard Aubertin Anfang der 1960er-Jahre den Nagel als Strukturelement.

In der Arbeit „Tableau Clous“ zum Beispiel sind die Nägel in regelmäßigen Abständen auf ein quadratisches Holzbrett gehämmert und mit einer kompakten Schicht roter Farbe bedeckt. Je nach Standpunkt und Lichteinfall verändert sich die Schattierung der benagelten Holzplatte. Neben der Reliefstruktur verstärkt der Farbauftrag mit changierend roten Pigmenten die Vibrationsbewegung der Farbe.

So ist es nicht verwunderlich, dass der Künstler sich 1962 der Zero-Bewegung um Heinz Mack, Otto Piene und Günter Uecker anschließt, die ebenfalls nach einer Ausdrucksform in Reduktion und Strenge jenseits der etablierten Gestaltungsmittel suchen. Das Rot bleibt jedoch Aubertins Lebensthema. Leinwand, Holz, Nägel, Klammern, Eisendrähte hat er eingesetzt, er hat Papiere aufgerissen, Kartons und Aluminiumplatten durchlöchert und alle diese Strukturen mit Rot überzogen. „Ich suche noch einmal mein Rot“ sagte Aubertin 1993 anlässlich der Retrospektive „Aubertin, Bernard le rouge“ in der Stiftung für Konkrete Kunst in Reutlingen.

Während bisher eine große Vielfalt von Einzelwerken dominierte, beginnt er nun in großen Serien zu arbeiten. Das Konzept der beharrlichen Wiederholung des scheinbar Gleichen ist für das Verständnis der Arbeit von Aubertin entscheidend. Neun Jahre nach seinem Tod wird nun im Kunstmuseum Reutlingen|konkret mit einer großen Ausstellung an Aubertin erinnert und ein neuer Blick auf sein Werk gewagt. An jenem authentischem Ort, an dem er ideale Produktionsbedingungen vorfand, nachdem er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt von 1988 bis 2015 nach Reutlingen verlegt hatte. Die spezifische Ateliersituation und die Möglichkeit, im selben Haus auszustellen, haben sich auf die Produktion der Werke, ihre Dimensionen und die verwendeten Mittel sichtbar ausgewirkt.

Stefan Simon weiß als Kunsthistoriker, dass es immer auf die Perspektive ankommt

Bernard Aubertin: Rouge et plus
18.5. – 20.10.2024
Kunstmuseum Reutlingen | konkret
Eberhardstr. 14
D-72764 Reutlingen
Tel.: +49-7121-3032213
Mi 11 – 18 Uhr, Do 14 – 20 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 7 €, erm. 4 €
www.kunstmuseum-reutlingen.de

Text: Stefan Simon
Bild: Kunstmuseum Reutlingen
Erstveröffentlichung in kunst:art 97