
Menschenmaler
Auch in Zeiten, wo hierzulande keiner mehr so recht an das Potential figürlicher Malerei glauben mochte, war Johannes Grützke einer ihrer entschiedensten Anhänger: Was solle man den sonst Interessantes machen, war seine gerne auch streitbar vorgetragene Überzeugung. „Der Pinsel ist mein Forschungswerkzeug, so, wie der Begriff beim Philosophen. Das Bild ist nicht Ziel, sondern Abbild meiner Forschungsarbeit“, das ist so ein typischer Grützke-Satz. Die Kunsthalle Jesuitenkirche im mainfränkischen Aschaffenburg – sonst malerisch eher als die Stadt von Christian Schad bekannt, auch er ja ein Verfechter des Menschenbildes in kritischen Zeiten – widmet heuer dem Berliner Johannes Grützke (1937–2017) und seinem so eigenwilligen wie malerisch kraftvollen Schaffen eine größere Ausstellung.
Die rund fünfzig Werke gliedern sich in vier Abteilungen, die allesamt den Künstler als scharfen Beobachter (und souveränen Maler!) erweisen: Die Figuren, oft in absurde Handlungen verstrickt, manche davon historisch oder gar religiös eingebunden, sind keine Porträts, noch weniger aber hehre Idealgestalten. Vielmehr sind sie irdisch bis tragikomisch, eitel und lächerlich. Der Clou aber ist der, dass der Künstler niemals als selbstgerechter Beobachter außerhalb des Treibens seiner Figuren steht: Im Gegenteil, zumeist steht sich Grützke selbst Modell, weshalb er auch in ein und demselben Bilde in vervielfachender Persönlichkeitsspaltung vorkommen kann.
Johannes Grützke. Der Menschenmaler
20.09. – 22.2.2026
Kunsthalle Jesuitenkirche
Pfaffengasse 26
D-63739 Aschaffenburg
Tel.: +49-6021-38674500
Di 10 – 20 Uhr, Mi – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 5 €, erm. 3,50 €
www.museen-aschaffenburg.de/Kunsthalle-Jesuitenkirche
Text: Dieter Begemann
Bild: Kunsthalle Jesuitenkirche
Erstveröffentlichung in kunst:art 106







