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Shilpa Gupta in Lübeck

27.09. - 1.3.2026 | Kunsthalle St. Annen


Shilpa Gupta, Blame, 2002 – 2004

Zwischen Stimme und Stille

Mit „we last met in the mirror“ präsentiert die Kunsthalle St. Annen die erste große Einzelausstellung der indischen Künstlerin Shilpa Gupta in Deutschland. Anlass ist der Possehl-Preis für Internationale Kunst 2025, den Gupta für ihr vielschichtiges Werk erhält. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung würdigt eine Künstlerin, die sich seit Jahren mit den Themen Identität, Grenzen und Sprache auseinandersetzt – und dies auf leise, aber nachhaltige Weise.

Rund 25 Arbeiten aus den vergangenen zwei Jahrzehnten füllen die Hallen des ehemaligen Klosters. Installationen, Klangarbeiten, Videos und Zeichnungen verweben sich zu einem dicht gewebten Netz aus Erinnerungen, Stimmen und Fragen. Guptas Kunst ist keine, die laut ruft. Sie flüstert – und zwingt gerade dadurch zum genauen Hinhören. In einer Zeit, in der politische und mediale Lautstärke dominiert, ist ihr Ansatz fast subversiv.

Bereits im ersten Raum empfängt ein kaum wahrnehmbares Wispern die Besucher. Aus Lautsprechern dringen Gedichtfragmente in verschiedenen Sprachen, die ineinander übergehen, abbrechen, verschwimmen. Gupta thematisiert damit Zensur, Migration und das Verschwinden von Sprache als Ausdrucksform. Das Politische erscheint bei ihr stets poetisch verschlüsselt, nie didaktisch.

Besonders eindrucksvoll ist die Textinstallation „I Live Under Your Sky Too“, deren simple, leuchtende Buchstaben einen universellen Anspruch formulieren: ein Bekenntnis zur geteilten Existenz, jenseits nationaler und religiöser Grenzen. Ebenso prägnant ist die Arbeit „100 Hand Drawn Maps of My Country“, in der Gupta den Versuch von Menschen zeigt, ihre Heimat aus dem Gedächtnis zu zeichnen – mit stets unterschiedlichen, brüchigen Umrissen.

Kuratorisch überzeugt die Ausstellung durch ihre klare Dramaturgie. Die mittelalterliche Architektur der Kunsthalle bildet einen spannenden Kontrast zu Guptas zeitgenössischer, konzeptueller Bildsprache. Die Räume bleiben offen, die Werke atmen, und doch entsteht eine emotionale Verdichtung. Besonders im Zusammenspiel von Licht und Klang entfalten Guptas Arbeiten eine fast meditative Wirkung.

Die Künstlerin, 1976 in Mumbai geboren, gehört längst zu den international renommierten Stimmen Südasiens. Ihre Arbeiten wurden in Venedig, New York und São Paulo gezeigt – nun also Lübeck. Dass gerade hier, in der norddeutschen Hansestadt, ihre erste museale Einzelausstellung in Deutschland stattfindet, ist ein Gewinn. Sie bringt globale Perspektiven in einen regional verankerten Kunstkontext und stellt Fragen, die weit über kulturelle Grenzen hinausreichen.

„we last met in the mirror“ ist keine Schau für den schnellen Blick. Sie fordert Geduld, Aufmerksamkeit und Empathie – Qualitäten, die in unserer Gegenwart selten geworden sind. Wer sich darauf einlässt, erlebt eine Kunst, die nicht belehrt, sondern berührt. Shilpa Gupta gelingt es, mit minimalen Mitteln maximale Resonanz zu erzeugen. Die Ausstellung ist ein stilles, aber eindringliches Plädoyer für das Zuhören, für das Unsichtbare, für die Kunst als Raum des Gemeinsamen.

Stefan Simon weiß als Kunsthistoriker, dass es immer auch auf die Perspektive ankommt

Shilpa Gupta. we last met in the Mirror
27.09. – 1.3.2026
Kunsthalle St. Annen
St. Annen-Str. 15
D-23552 Lübeck
Tel.: +49-451-1224137
Di – So 10 – 17 Uhr
Eintritt: 12 €, erm. frei
www.kunsthalle-st-annen.de

Text: Stefan Simon
Bild: Kunsthalle St. Annen
Erstveröffentlichung in kunst:art 106

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