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Thomas Bayrle findet das Große in der Masse des Profanen

12.2. – 10.5.2026 | Schirn Kunsthalle Frankfurt

Thomas Bayrle, Rosary, 2009, Court. the artist and neugerriemschneider, Berlin, Foto W. Günzel

Religiöses Rattern

Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen – so meint jedenfalls Albert Camus. Und wollte man ganz wörtlich denken, könnte auch die gut gelaunte Betrachtung der Welt der Serienproduktion, also des immer gleich Wiederkehrenden durch Thomas Bayrle so zusammengefasst werden.

Die Schirn in seiner Heimatstadt Frankfurt und das Museum im Kulturspeicher in Würzburg widmen ihm nun eine Ausstellung. In Frankfurt ist mit dem Ort mit seiner industriellen Vergangenheit bereits ein Zeichen gesetzt: Das stetig fortdauernde Lärmen und Rattern der Maschinen, das hier noch nachzuhallen scheint, fügt sich perfekt zu Bayrles auf seriellen Rastern basierender Kunst. Seine Vergangenheit als Auszubildender in der Textilindustrie und an deren maschinellen Webstühlen, eine auch in der Kunst als solche verarbeitete Keimzelle der Industrialisierung überhaupt, passt dazu.

Mit dem Ausstellungstitel „Fröhlich sein“ scheint der Bogen zum glücklichen Sisyphos geschlagen zu sein. Scheint, denn Bayrle wäre nicht der hintergründige Dadaist, wäre die Geschichte hier schon erzählt. Die Masse der sich wiederholenden Elemente formt in seiner Bildsprache etwas Größeres, in dem das einzelne Element stets erkennbar bleibt. Damit ähnelt es eher einer fraktalen Struktur als einem digital aus Pixeln zusammengesetzten Bild. An die Waren- und Konsumdiskussion der Popart angelehnt könnte man darin das Individuum in der Masse erkennen.

Tatsächlich ist der Künstler nach seiner Lehrzeit in der Textilindustrie nicht dabei geblieben, sondern in jenes Gewerbe gewechselt, das der Pop-Art wohl am nächsten steht, in die Werbung. In seiner Kunst wird dieses Spiel aus ebenso massenhaften wie nebensächlichen Einzelelementen und der daraus entstehenden größeren Gestalt hintergründig. Sein Porträt von Kim Kardashian besteht aus einer Unzahl von Lippenstiften. Dieses Utensil, Erzeugnis einer Industrieproduktion und geschaffen für eine oberflächliche Verschönerung, ergibt in seiner konzertierten Summe eine medial präsente Person, deren Image sich auf diese Weise gut beschreiben lässt.

Kim Kardashian hat es durch ihre Zusammenarbeit mit der Mode- und Kosmetikindustrie zu einem Milliardenvermögen gebracht. Dass sie in diesem Fall als Zitat des „Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer erscheint, fügt Bayrles Arbeit noch eine weitere Ebene hinzu. Amüsant, aber auch eine Anleitung zum Glück? Mit „Fröhlich sein“ ist ein sehr passender Begriff zwischen beiden gefunden und die Ausstellung perfekt benannt. In der früheren, 2006 entstandenen Video-Arbeit „Autobahnkreuz“ nimmt Bayrle das in der Pop-Art und Konsum-diskutierenden Kunst schon klassische Beispiel des Automobils auf. Auf einer Autobahn von einer Brücke aus betrachtet bewegen sich hier Fahrzeuge in endloser Reihe vorbei. Bayrle formt daraus seine persönliche Interpretation eines Kruzifix. Die Nähe des massenhaften Industriegutes wie einem Auto und einer religiösen Ebene nimmt der Künstler immer wieder auf. Das Verbindende ist für ihn auch hier die stete Wiederholung, die im Rattern einer Produktionsanlage ebenso erscheint wie im rituellen Herunterrattern von Gebeten.

Christian Hofmann lebt und arbeitet im Rheinland.

Thomas Bayrle. Fröhlich sein!
12.2. – 10.5.2026
Schirn Kunsthalle Frankfurt
Gabriel-Riesser-Weg 3
D-60325 Frankfurt
Tel.: +49-69-2998820
Di – So 10 – 19 Uhr, Do 10 – 22 Uhr
www.schirn.de

Text: Christian Hofmann
Bild: Schirn Kunsthalle Frankfurt
Erstveröffentlichung in kunst:art 107

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