
Marianna Simnett im Max Ernst Museum Brühl
Idyllische Bilder wechseln sich ab mit verstörenden: Tiere werden zu Hybriden, zu kopflosen Wesen und zu als Tiere verkleideten Menschen. In dieser Welt werden keine Tabus gebrochen, ganz einfach, weil es kaum welche gibt. Verletzungen, Tod, Sexualität, Fetisch und Schmerz sind Themen, denen man in Bildern, Skulpturen und Videos begegnet.
Marianna Simnett (* 1986) kommt aus Großbritannien, lebt und arbeitet in New York und in Berlin und hat schon in ihrer frühen Kindheit gewusst, dass sie Künstlerin werden möchte. Klavierspielen lernte sie, seitdem sie fünf und Querflöte, seit sie sieben Jahre alt war. Schon 2007 hat sie in Nottingham ihren BA, 2013 ihren MA an der Slade School of Art in London gemacht.
Das klingt bildungsbürgerlich, ihrer Kunst sieht man es aber nicht an. Sie lässt die Betrachter ihrer Videos Verletzlichkeit und Schmerz nicht nur sehen, sondern geradezu auch fühlen. Sich selbst schont Marianna Simnett dabei keinesfalls. Für das Video „The Needle and The Larynx“ (2016) lässt sie sich Botox in ihren Kehlkopf injizieren, um eine tiefe Stimme zu bekommen. Dabei verliert sie für mehrere Wochen fast komplett ihre Stimme.
Für den Film „Prayers for Roadkill“ (2022) brachte sich Marianna Simnett über das Internet selbst bei, Tiere zu präparieren. Sie sammelte mit Hilfe von Freunden Tierkadaver von der Straße, nahm diese aus und stopfte sie mit Drähten und Füllmasse. So präpariert verwendete sie die ausgestopften Tiere, um sie per Stop-Motion wie Schauspieler zu arrangieren. Der Film handelt von Sorgsamkeit und Misshandlung, von Pflege und Tod. Die Rollen werden von Tieren „gespielt“, die wie Menschen handeln.
Bei „The Severed Tail“ (2022) wird zuerst ein Ferkel gezeigt, dem der Schwanz abgeschnitten wird (was in der Tierzucht wohl üblich ist). Das Ferkel läuft davon, springt in einen See und kommt in einem Fetisch-Club als ein als Ferkel verkleideter Mensch wieder heraus. Simnett geht es bei dieser Arbeit um Schmerz und Körper, aber auch um Akzeptanz des eigenen und fremder Körper.
Mensch, Tier oder Hybrid – das alles wechselt sich ab. In der vierten und letzten Szene von „Prayers for Roadkill“ tanzen die Tiere Walzer, nehmen sich gegenseitig die Köpfe weg und setzen sie sich selbst auf, bis alle Tiere die falschen Köpfe tragen.
Die Werke von Marianna Simnett sind immer auch surrealistisch und häufig schwer zu entschlüsseln, obwohl sie so „direkt“ sind. Zumindest die neueren Filme erinnern in ihrer Offenheit an die Filme von Nathalie Djurberg & Hans Berg. In der Kritik wird häufiger der Vergleich mit Mika Rottenberg hergestellt.
Marianna Simnett. Headless
31.1. – 5.7.2026
Max Ernst Museum Brühl
Comesstr. 42/Max-Ernst-Allee 1
D-50321 Brühl
Tel.: +49-2232-57930
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 13 €, erm. 8 €
https://www.lvr.de/max-ernst-museum-bruehl/
Text: Mathias Fritzsche
Bild: Max Ernst Museum Brühl
Erstveröffentlichung in kunst:art 107





