
Schmuck und Makel, Fetisch und Tabu, Stärke und Verletzlichkeit
Im Januar 2006 sorgte ein Video für Entsetzen, in dem ein Kämpfer einer islamistischen Miliz den abgeschnittenen Zopf einer kurdischen Kämpferin wie eine Trophäe in die Kamera hält. Das Abschneiden von Haaren wird historisch oft genutzt, um Frauen zu entwürdigen und ihre Identität zu brechen. Als Antwort darauf flechten Kurdinnen weltweit ihre Haare. Das Flechten wird zu einem Akt der Selbstbestimmung und Solidarität. Am 16. September 2022 starb Mahsa Amini, nachdem sie von der iranischen Sittenpolizei festgenommen worden war. Ihr Tod löste landesweite und internationale Proteste aus. Frauen im Iran und weltweit begannen, sich öffentlich die Haare abzuschneiden. Das hatte mehrere Bedeutungen: Solidarität mit Mahsa Amini, ein Symbol der Trauer und des Widerstands und ein Zeichen weiblicher Selbstbestimmung.
Zwei Beispiele jüngeren Datums, die zeigen, dass kaum ein anderes Körperdetail so mit Bedeutungen aufgeladen ist wie das Haar. Es wächst, fällt aus, wird geschnitten, verhüllt, gefärbt, verehrt. Hier steckt eine spannende Mischung aus Kulturgeschichte, Symbolik und sozialer Bedeutung drin. Kopfhaar ist in fast allen Kulturen weit mehr als nur „Biologie“ – es trägt Identität, Status, Geschlecht, Macht und sogar spirituelle Vorstellungen.
Die Ausstellung „Haar – Macht – Lust“ widmet sich mit rund 200 Exponaten von der Antike bis zur Gegenwart diesem scheinbar alltäglichen Material mit überraschender Ernsthaftigkeit – und mit spürbarer Freude an dessen kultureller, politischer und erotischer Dimension. Es geht in der Schau also nicht um Frisurentrends, vielmehr entfaltet sich eine vielschichtige Kulturgeschichte des Haares, die von mythologischen Erzählungen bis in die sozialen Medien der Gegenwart reicht. Antike Darstellungen von Medusa mit ihrem Schlangenhaar stehen neben Fotografien der 1960/1970er-Jahre, in denen wallende Mähnen als Zeichen von Protest und Befreiung inszeniert werden, wie in der legendären „Hair Peace. Bed Peace“-Aktion von John Lennon und Yoko Ono. Dazwischen: kunstvoll geflochtene Perücken des Barock, intime Haarlocken in Medaillons und Videoarbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen, die das Rasieren des eigenen Kopfes als Akt der Selbstermächtigung dokumentieren. Haar erscheint in der abwechslungsreichen Schau immer wieder als Symbol weiblicher Verführung.
Zugleich wird es als Ort gesellschaftlicher Kontrolle lesbar: Vorschriften zu Kopfbedeckungen, Debatten um Körperbehaarung, rassistische Zuschreibungen gegenüber afro hair. Besonders eindrücklich ist eine Installation, die Friseursalons aus unterschiedlichen Kulturen nachzeichnet – als soziale Treffpunkte, als Orte von Intimität und Identitätsbildung.
„Haar – Macht – Lust“ überzeugt gerade dort, wo sie Ambivalenzen zulässt. Haar ist Schmuck und Makel, Fetisch und Tabu, Zeichen von Stärke und von Verletzlichkeit. Die Ausstellung zeigt, dass in jedem abgeschnittenen Zopf auch ein Stück Identität liegt. Wer die Räume verlässt, tut dies mit geschärftem Blick – auf die Köpfe der anderen und auf den eigenen.
Stefan Simon weiß als Kunsthistoriker, dass es immer auch auf die Perspektive ankommt.
Haar – Macht – Lust
20.3. – 4.10.2026
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Theatinerstr. 8
D-80333 München
Tel.: +49-89-224412
Täglich 10 – 20 Uhr
Eintritt: 18 €, erm. 8-14 €
www.kunsthalle-muc.de