
Scheuermittel, melancholisch
An der Tischkante steht sie, noch säuberlich verschlossen und von etwas grau verschleiertem Licht sanft umstrahlt: Die Packung „Ata Putz- und Scheuermittel“ in einem Verpackungsdesign, das an die moderne Gebrauchskunst der 1920er-Jahre erinnert, und auch die malerische Handschrift, denn um ein Gemälde handelt es sich hier, lässt an die ja immer etwas kargen und melancholisch verhangenen Stillleben der seinerzeitigen Neuen Sachlichkeit denken. Ein genauerer Blick aber sorgt für einen Zeitsprung, denn unten klein auf dem Karton sagt der Preishinweis: „0,13 M“. Wir sind also versetzt in die DDR – und genau um die dreht es sich beim jüngsten Ausstellungsprojekt des Syker Vorwerks, des Zentrums für zeitgenössische Kunst südlich von Bremen. „Die Kids sind nicht alright“ versammelt elf Künstlerinnen und Künstler, allesamt im östlichen deutschen Staat geboren zwischen den 70er- und den Wendejahren. Zu ihnen gehört Oskar Schmidt, der Meister des Scheuermittels (in altmeisterlich-kostbarer Eitempera!), dessen Werk sich der Alltagskultur der DDR annimmt und in Sujet, Komposition und Lichtführung eine untergegangene Welt beschwört. Aber natürlich sind nicht alle in dieser Runde so nostalgisch aufgestellt: Sophia Hirsch etwa, souveräne Comic-Zeichnerin und Produzentin großer Wandgemälde, befragt die Geschichte, die kollektive und die individuelle, im Rahmen ihrer „Ästhetik des Scheiterns“ (die aber nichtsdestoweniger durchaus als ein sehr farbenfroher Hingucker daherkommen kann).
Der Titel deutet es an, in der Syker Ausstellung – zweite Station nach einer ersten im Museum Untertage in Bochum – geht es nicht um einen Festbeitrag zum Feiertag des 3. Oktober, sondern um Brüche, soziale und psychische Verwerfungen in Zeiten des Umbruchs. Die von Meta Marina Beeck kuratierte Schau stellt „Fragen von Herkunft, Erinnerung, Identität und sozialer Prägung“ und wirft dabei „einen Blick auf politische Systeme, gesellschaftliche Werte und ökonomische Umbrüche“. Im Übrigen wird deutlich, dass es hier keineswegs getan ist mit der bloß historisch abgeklärten Aufarbeitung der deutschen Wende von 1989, sondern, allgemeiner und aktueller, um die Einbeziehung „gegenwärtige(r) Debatten um Zugehörigkeit, Klasse und gesellschaftliche Teilhabe“ geht. Die Bandbreite der verwendeten künstlerischen Techniken ist groß, neben den bereits genannten von Malerei und Zeichnung gibt es Fotografie, Film, Skulptur und Rauminstallationen.
Persönliches und ein grundsätzlich machtkritischer Ansatz verbinden sich im beeindruckenden performativen Werk von Anna Zett. Manche Position ist offensiv anklagend, andere leiser: Minh Duc Pham, dessen Eltern als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen waren, erzählt in seinen multimedialen Arbeiten vom interkulturellen Aufwachsen zwischen Deutschland und Vietnam, zwischen Ausgrenzung und Gemeinschaft. Intergenerationelle Traumata: Es sind Geschichten, die, gerade als gewöhnlich unausgesprochene, so ungeheuer aussagekräftig sind.
Dieter Begemann ist Künstler und Kunstwissenschaftler, der Architektur, Design, Autos und Italien liebt!
Syker Vorwerk – Zentrum für zeitgenössische Kunst
4.10.2026 – 17.1.2027
Die Kids sind nicht alright!
Waldstr. 76
D-28857 Syke
Tel.: +49-4242-577410
Mi + Fr + Sa 14 – 17 Uhr, So 12 – 17 Uhr
Eintritt frei
www.syker-vorwerk.de