Michael Goldberg – Club der Revolutionäre

27.1. – 24.3.2018 | Michael Rosenfeld Gallery LLC, New York

Michael Goldberg, Park Avenue Facade (Detail), 1957-58. Oil on canvas. 111 1/2" x 107 1/2" / 283.2 x 273.1 cm, signed and dated. Courtesy of Michael Rosenfeld Gallery LLC, New York.

 

Michael Goldberg, Park Avenue Facade, 1957-58. Oil on canvas. 111 1/2″ x 107 1/2″ / 283.2 x 273.1 cm, signed and dated.  Courtesy of Michael Rosenfeld Gallery LLC, New York.

Falls es je einen Zusammenhalt unter Künstlern gab, dann war es in „The Club“. Alle Mitglieder kämpften für dieselben Ziele: New York als Kunstmetropole entgegen Paris etablieren, eine neue abstrakte Formsprache durchsetzen, „Downtown“ anstatt „Uptown“ als Künstlerviertel promoten. Gegründet 1949 nahe des Washington Square Parks in New York City, gab ihm seine Adresse, 39 East 8th Street, bald seinen Beinamen „8th Street Club“. Über sechs Jahre versammelten sich in einem gemeinsam gemieteten Loft, an drei bis vier Abenden in der Woche, die Künstler und Künstlerinnen des Abstrakten Expressionismus. Natürlich gab es auch hier typische „Platzhirsch“ Auseinandersetzungen, so zwischen dem Jackson-Pollock-Lager und dem um Willem de Kooning. Aber der gemeinsame Kampf, einer weitestgehend formlosen, spontanen Malerei Anerkennung zu verschaffen, ließ dennoch die größten Namen ihrer Zunft zusammenstehen. Neben Pollock und de Kooning waren unter anderem Robert Motherwell, Hans Hoffmann, Franz Kline, Arshile Gorky, Mark Rothko und Barnett Newman alle Mitglieder. 1951 entstand daraus die legendäre „9th Street Show“; kuratiert von Leo Castelli brachte sie 70 Künstlerinnen und Künstler zusammen, die später als „New York School“ bekannt werden sollten.

Unter ihnen war auch der US-Amerikaner Michael Goldberg (1924-2007), der zurzeit in einer Einzelausstellung in der Galerie Michael Rosenfeld in Chelsea, New York City, zu sehen ist. Goldberg war seit Anfang der 1950er Mitglied in „The Club“, dementsprechend in der „9th Street Show“ vertreten und ist in allen wichtigen institutionellen Sammlungen der USA repräsentiert. Ganz anders in Europa, wo seine Arbeiten nur selten zu sehen sind. Ein Umstand, den er mit vielen Vertretern der „New York School“ teilt, sieht man von den bekanntesten, oben genannten Namen ab.

Biographie und Ausbildung von Goldberg erscheint wie ein Musterbeispiel eines abstrakten Malers der 1950er Jahre in New York. Aufgewachsen in der Bronx, nimmt er von 1941-42 Unterricht in Hans Hofmanns School of Fine Arts, verbringt danach einige Jahre beim Militär, um von 1948-50 wieder in die Klasse von Hans Hofmann einzutreten. Hofmann gründete seine Schule 1933, nachdem er mit dem Blauen Reiter in München und der Avantgarde in Paris gearbeitet hat – als eine Art „Godfather“ der abstrakten Malerei wurden viele der Abstrakten Expressionisten von ihm unterrichtet.

Eine Dekade jünger als Pollock, Rothko oder Motherwell, bildete Goldberg zusammen mit Helen Frankenthaler, Joan Mitchell und Sam Francis die zweite Generation dieser neuen malerischen Weltsicht.

Die Galerie Rosenfeld, die den Nachlass des Künstlers verwaltet, zeigt ihre zweite Einzelausstellung von Goldberg. Unter dem Titel „End to End“ sind seine ersten Kunstwerke aus den 1950ern und seine letzten aus den 2000ern gruppiert (das Früheste von 1951, das Letzte von 2007). Erscheint dies zunächst wie eine lebenslange Kontinuität der malerischen Gesten, so ist es doch vielmehr eine Klammer, da Goldberg zwischenzeitlich auch mit Minimal und Hard-Edge Malerei experimentierte.

Michael Goldberg, Still Life with Onion Rolls, 1956. Oil and tape on canvas. 74″ x 76″ / 188.0 x 193.0 cm signed and dated.  Courtesy of Michael Rosenfeld Gallery LLC, New York.

Park Avenue Façade von 1957-58 steht mit seinen monumentalen Maßen von fast 3 x 3 Metern, dem breiten, chaotischen Pinselstrich und pastosem, kämpferisch anmutenden Farbauftrag charakteristisch für eine Zeit, in der Künstler noch mit Anzügen umherliefen, während sie zugleich gegen das etablierte Kunstsystem und deren „gattungswürdigen“ Erwartungen angingen. Goldbergs Palette erinnert zumeist an de Kooning, der neben Paul Cézanne sein hauptsächlicher Bezugspunkt gewesen sein soll. Die Aufteilung der Farbflächen, die nicht voneinander abgegrenzt, sondern vielmehr durchbrochen und übermalt werden, dann wieder ausgekratzt und teilweise mit Farbsprenkeln versehen sind, verraten Goldbergs speziellen Zugang. Die meisten Gemeinsamkeiten ließen sich aber wohl mit Joan Mitchell ausmachen. Beide waren in den 1950ern miteinander liiert und es ist ein anrührender Liebesbrief von Mitchell an Goldberg erhalten. Bei den Titeln seiner Bilder ist Goldberg dicht bei seinem geistigen Mentor de Kooning, der in dem Text „What Abstract Art Means to Me“ von 1950 beschreibt, wie Alltägliches den abstrakten Bildern zugrunde liegt, ohne dass dieses herausgesehen werden kann. Goldbergs Still Life with Onion Rolls von 1956 ist vielleicht wörtlich zu nehmen, gleichzeitig aber auch viel mehr: ein malerischer Prozess, der in die Leinwand eingeschrieben ist und es schafft, über jegliche Abbildung hinauszugehen. Es sind genau jene Bilder, die Goldberg eine Einladung zur docuemta II im Jahr 1959 einbrachten.

Michael Goldberg, Old Man and Death, 2001. Oil and oil stick on canvas. 86 3/4″ x 81 1/2″ / 220.3 x 207.0 cm signed and dated.  Courtesy of Michael Rosenfeld Gallery LLC, New York.

Anfang der 2000er Jahre werden seine Bilder zum Teil dunkler, die Linen sind langezogen und verschlungen. Wie bei Old Man and Death von 2001 zu sehen, erlangen die bunten Flecken nicht mehr die Überhand. In den Titeln kommen immer mehr Verweise der römisch-griechischen Antike vor. So nimmt das Werk Knossos aus seinem Todesjahr 2007 Bezug auf den antiken kretischen Tempel. Eher untypisch für Goldberg sind die Farbflächen mehr ausdefiniert, fast geometrisch voneinander abgegrenzt. Immer unterbrochen von Linien, die mit Ölstift konturiert wurden. Dennoch ist auch hier der Pinselduktus flirrend ekstatisch – ein Expressionismus bis zum letzten Atemzug.

Michael Goldberg, Knossos, 2007. Oil and oil stick on canvas. 83″ x 74 1/2″ / 210.8 x 189.2 cm signed and dated.  Courtesy of Michael Rosenfeld Gallery LLC, New York.

In den großen, hellen Räumen der Galerie Rosenfeld wirken die Bilder wie am richtigen Platz und als Revitalisierung einer künstlerischen Sprache, für die gemeinsam in „The Club“ gestritten und gekämpft wurde. Darüber hinaus als Symptom einer Zeit, welches in den 1940er und 1950er Jahren herausbrach und von den  Kunstkritikern unterschiedlich bezeichnet wurde: „Action Painters“ (Harold Rosenberg), „Painterly Painters“ (Clement Greenberg), „Gesture Painter“ (Irving Sanders) – wobei sich „Abstrakter Expressionismus“ (Robert Coates) allgemein durchgesetzt hat. Sieht man diese Bilder aus heutiger Perspektive, steckt immer noch eine bemerkenswerte Frische in ihnen und ihre Spontanität vermag zu überraschen. Besonders beim Vergleich zu aktuellen Arbeiten einer jungen Generation, die Kunstkritiker Walter Robinson mit dem Terminus „Zombie Formalism“ beschrieben hat. Damit meint er Kunstwerke, in denen die Errungenschaften von den abstrakten „Großvätern“ wiederverwehrtet werden, um im hyperkapitalisierten Kunstmarkt als Spekulationsobjekt zu dienen. Der Kampf von damals in einem aktualisierten, uninnovativen Gewand. Da erscheint es lohnenswerter, sich den „Originalen“ zuzuwenden; besonders, wenn diese bisher nur in ihrem Heimatland zu sehen sind.

 

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