Radikal modern, radikal in der Tradition stehend: Mit diesem Widerspruch ist die ungewöhnliche Position von Berlinde de Bruyckere zu bezeichnen. Die 1964 im belgischen Gent geborene Künstlerin hat sich zu einer der wichtigsten zeitgenössischen Bildhauerinnen entwickelt. Das Arp Museum im Bahnhof Rolandseck richtet de Bruyckere eine große Soloschau aus, die mit 16 Skulpturen (eine davon im Außenbereich) und einer ähnlichen Zahl großformatiger Grafiken einen guten Überblick erlaubt.
Einerseits nutzt die Künstlerin alle Freiheiten der modernen Bildhauerei in Materialwahl und dem freien Oszillieren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, andererseits traut sie sich, die aus der Geschichte vertrauten (oder heute nicht mehr so vertrauten) Figuren des Leids mitten in unsere Zeit zu stellen: die Schmerzensmänner und Märtyrerinnen der christlichen Kunst, die Geschundenen der Antike wie den Satyr Marsyas, der sich mit Apoll zu messen wagte. Für diese Gestalt findet die Künstlerin eine Form, die das Entsetzliche (das Abziehen der Haut bei lebendigem Leib) eigentlich nicht zeigt, aber doch im furchtbaren Krampf der allein sichtbaren Beine ahnen lässt. Der restliche Körper ist mit Schichten von Decken behängt, einem Objekt, das de Bruyckere auch in anderen Werken vielfach ausdeutet: Haut, Hülle und Schutz, aber auch Beengung und Zwang. Menschen und immer wieder Tiere: Es sind allemal aufwühlende Bilder für Verletzlichkeit und Vergänglichkeit, die diese starke Künstlerin findet.
Berlinde De Bruyckere. PEL / Becoming the figure
bis zum 8.1.2023
Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Hans-Arp-Allee 1
D-53424 Remagen
Tel.: +49-2228-942516
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 11 €, erm. 9 €
www.arpmuseum.org
Text: Dieter Begemann
Bild: Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Erstveröffentlichung in kunst:art 87