Der schattenbeseelte Sympathisant

15.9.2023 – 22.1.2024 | Berlinische Galerie

Es war die erste Einzelausstellung im “Verein Berliner Künstler” überhaupt: Mit lediglich 28 Jahren wurde der in Künstlerkreisen nicht mehr ganz unbekannte Edvard Munch eingeladen, seine in ihrer Wirkung auf Zeitgenossen Unbehagen auslösenden Bilder auszustellen. Wie im deutschen Vereinswesen üblich, geschah dies mit Commissionsbeschluss und mit Mehrheitsvotum. Was wiederum aber auch eine allzu voreilige Schließung nach der skandalumwitterten Eröffnung – zum Glück des Künstlers – verhinderte. “Der Fall Munch” sollte 1892 in die Geschichte eingehen. Nicht nur, weil die Ausstellung im Architektenhaus in der Berliner Wilhelmstraße 92 danach auf Tournee ging und neben dem Künstler auch eine Malweise bekannt machte, deren Unmittelbarkeit einer emotionalen Innenwelt eine bislang weitestgehend unbekannte Wucht entwickelte. Aber auch, weil die Schau den zündenden Funken für einen Generationenwechsel in der Kunst gab: Freier Verein Berliner Künstler, Berliner Secession, Neue Secession – jüngere Künstler wandten sich ab von den tradierten Vereinigungen und Sichtweisen und schlossen neue experimentelle Bündnisse. Die radikale Modernität nahm mit dem Echo von Munchs Werken Fahrt auf und war gewichtiger Teil eines Wendepunkts um die Jahrhundertwende. Für die Berliner Kunstszene war es nicht zuletzt eine Zäsur, die einen gänzlich anderen Blick auf die Kunst erlaubte.

Diesen historischen Wendepunkt ruft die Berlinische Galerie, Museum für moderne Kunst, mit der Ausstellung “Zauber des Nordens” in Erinnerung: Bis zum 22. Januar 2024 versammelt sie in Kooperation mit dem MUNCH in Oslo rund achtzig Werke von Edvard Munch wie auch Arbeiten des Impressionisten Walter Leistikow und Bilder des Finnen Akseli Gallen-Kallela. Damit gibt die Schau einen Einblick in jene Zeit des Kaiserreichs und der national-romantischen Verklärungen, die von starken Widersprüchen geprägt war und deren Katalysator für die künstlerische Moderne Munch wurde. An die Stelle von gesellschaftlichen Normen und akademischen Vorgaben treten in der Kunst nun subjektive Wahrnehmung und bisweilen zufällige Gestaltung. Farben, die pastös, grob und roh aufgebracht und manchmal auch abgeschabt wurden und dann wieder aufgespritzt. Existenzielle Themen wie Tod und Liebe wurden in einer Komposition für die eigene Empfindung greifbar. Die Kraft, die so eine gänzlich andere Farb- und Formensprache hervorbrachte, wurde mit Munch das erste Mal einer breiten Öffentlichkeit auch durch das Presseecho erlebbar. Dass diese Kunst, die auch literarisch in dieser Zeit nach neuen Formen suchte, die Öffentlichkeit fand, war auch den Treffen von schattenbeseelten Sympathisanten wie Munch, dem Dramatiker August Strindberg oder dem Schriftsteller Stanisław Przybyszewski und seiner Frau Dagny Juel in einem Berliner Lokal zu verdanken: Im “schwarze Ferkel” schöpften die Gleichgesinnten Mut und Zutrauen in die eigene Schaffenskraft, sie fanden Zank, suchten sexuelle Eskapaden und den Rausch – und bildeten schließlich einen schicksalhaften Verbund, der manchen von ihnen in die Tiefe zog. Darunter auch Przybyszewski, der 1894 das erste Buch zu Munch publizierte und mutmaßlich dem Bild “Liebe und Schmerz”, das in Berlin entstand, seinen heute berühmten Titel “Vampir” verlieh. Noch bis 1908 zog es den lebensängstlichen und umherreisenden Künstler Munch dennoch immer wieder nach Berlin, wo er bis 1933 mit Ausstellungen präsent blieb und auch Vorreiter für die serielle Malerei wurde. Hier erlernte er druckgrafische Techniken – was ebenfalls zur Idee des sogenannten Lebensfries beigetragen haben mag. Schließlich widmete er in der fünften Ausstellung der Berliner Secession eine ganze Wand des Saales wohl einem der wichtigsten Themen seines Lebens – dem Tod.

Die Journalistin Karolina Wrobel ist sowohl in der Hochkultur, als auch in der Berliner Lokalszene zu Hause.

Edvard Munch. Zauber des Nordens
15.9.2023 – 22.1.2024
Berlinische Galerie
Alte Jakobstr. 124–128
D-10969 Berlin
Tel.: +49-30-78902600
Mo + Mi – So 10 – 18 Uhr
www.berlinischegalerie.de

Text: Karolina Wrobel
Bild: Berlinische Galerie
Erstveröffentlichung in kunst:art 93