Internationale Interventionen zur Entschleunigung in der Villa Merkel

11.7. – 5.10.2025 | Villa Merkel

Thomas Liu Le Lann, Ziwen Forever, 2024

Ruhemomente im digitalen Zeitalter

Elf künstlerische Positionen befassen sich in der Villa Merkel in Esslingen mit der Digitalisierung, der Mediennutzung und der nicht für alle verfügbaren Möglichkeit des Ausruhens von der dauernden Erreichbarkeit durch die technischen Werkzeuge, die den Alltag der Menschen zunehmend beherrschen.

Jeder läuft mit einem Handy herum, ob zuhause oder in der Öffentlichkeit, ist immer rund um die Uhr erreichbar und ansprechbar und wenn mal tatsächlich eine Pause entsteht, wird dennoch auf das Handy geschaut, sei es, um Nachrichten abzusenden, neu hereinkommende zu lesen oder gar das Gerät als Zeitvertreib und Spiel zu verwenden.

Selbst das gute alte Fotoalbum mit den berüchtigten Fotoecken und dem Spinnenpapier, einem Transparentpapier aus Pergamin mit einem geprägten Spinnennetzmuster, das seit Ende des 19. Jahrhunderts als Zwischenlagenpapier in diesen Fotoalben verwendet wurde, ist längst im Handy und jederzeit vorzeigbar und ergänzbar untergebracht.

Wem das alles noch nicht genügt, den erreichen fast im Minutentakt Push-Benachrichtigungen, mit denen man dann immer auf dem fast zeitgleichen Stand des aktuellen Weltgeschehens sein kann. Pausen gibt es kaum. Für manche Berufe ist es bekanntlich sogar Pflicht, jederzeit erreichbar zu sein, fast wie die Feuerwehr, jedoch ohne Schicht.

Solchen Lebensrealitäten steht diametral die Möglichkeit der Pause gegenüber, des Ausruhens von der ständigen Erreichbarkeit. In der Villa Merkel werden diese gegensätzlichen Lebensbedingungen von den elf Ausgestellten (Caline Aoun, Patrizio Di Massimo, Jeppe Hein, Judith Hopf, Moritz Jekat, Anna Jermolaewa, Thomas Liu Le Lann, Martin Parr, Sophie Utikal, Bill Viola, Wiktoria) meist politisch-künstlerisch thematisiert.

Beispielhaft genannt sei hier Thomas Liu Le Lann aus Genf. Auf spielerische und zugleich verstörende Weise setzt er sich mit Themen wie Machtlosigkeit, Versagen und Verletzlichkeit auseinander. Er setzt unterschiedliche Medien ein, um individuelle Beziehungen zu familiären Situationen, kapitalistischen Systemen und der Freizeitgesellschaft kritisch zu hinterfragen.

Es wird bei vielen gezeigten Werken klar: Wer sich eine Pause leisten kann, hängt oft von finanziellen Mitteln und dem Zugang zu geschützten Räumen ab. So lädt die Schau dazu ein, über diese Ungleichheiten nachzudenken – und die Pause als Notwendigkeit, aber auch als politisches Statement neu zu entdecken. Auch dazu gibt es einen Begriff: „Digital Detox“ beschreibt die bewusste Entscheidung, für eine bestimmte Zeit auf digitale Geräte und Medien zu verzichten, um sich von der digitalen Reizüberflutung zu erholen.

Die im Stil der Neorenaissance erbaute Villa Merkel liegt inmitten eines Parks, ein Ort, den man so richtig gut nur zu Fuß erreicht. Dementsprechend der ideale Ort, um über Entschleunigung und Pausen nachzudenken. Oder einfach nur Kunst zu genießen!

Bence Fritzsche ist Chefredakteur der Zeitschrift Atelier.

(K)eine Pause – Ausruhen im digitalen Zeitalter
11.7. – 5.10.2025
Villa Merkel
Pulverwiesen 25
D-73726 Esslingen am Neckar
Tel.: +49-711-35122669
Di + Mi 11 – 18 Uhr, Do + Fr 12 – 20 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 4 €, erm. 2,50 €
www.villa-merkel.de

Text: Bence Fritzsche
Bild: Villa Merkel
Erstveröffentlichung in kunst:art 104