Der französische Künstler JR wird im Juni 2026 die älteste Steinbrücke von Paris in eine begehbare Grotte verwandeln. Das Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit der Christo und Jeanne-Claude Foundation.
Vierzig Jahre nachdem Christo und Jeanne-Claude die Pont Neuf in sandsteinfarbenen Stoff gehüllt hatten, kehrt die monumentale Außenraumkunst an denselben Ort zurück, wobei JR mit „La Caverne du Pont Neuf“ einen grundlegend anderen Ansatz verfolgt. Statt die Brücke zu verhüllen, will der 41-jährige Künstler sie mit großformatigen Schwarzweiß-Fotografien von Kalksteinformationen überziehen, sodass die Illusion einer 120 Meter langen Höhle entsteht. Die Installation soll vom 6. bis zum 28. Juni 2026 zu sehen sein und ist rund um die Uhr kostenlos zugänglich.
Die Initiative ging von Vladimir Yavachev aus, dem Neffen Christos und Direktor der Christo und Jeanne-Claude Foundation. Er habe JR bewusst ausgewählt, weil dieser seit Jahren von Christos Werk inspiriert sei, erklärte Yavachev. Man habe eine Interpretation gewollt, keine Neuauflage der historischen Verhüllung. Ein Foto auf der offiziellen Christo-Website zeigt beide Künstler gemeinsam während JRs Ausstellung „Chronicles of San Francisco“ im Jahr 2019; nach Christos Tod im Mai 2020 verfasste JR eine Würdigung für das TIME Magazine.
Pariser Steinbrüche als Referenz
Der Titel des Projekts verweist auf Platons Höhlengleichnis und zugleich auf die unterirdischen Steinbrüche, aus denen Paris seit der Römerzeit erbaut wurde. Der sogenannte Calcaire lutétien, ein charakteristischer Kalkstein, prägt bis heute das Stadtbild. JRs Trompe-l’œil-Technik soll diese verborgene Schicht sichtbar machen, während Christo 1985 das Vertraute durch Verhüllung fremd gemacht hatte. Die konzeptionelle Differenz ist programmatisch: Wo Christo verbarg, will JR aufdecken.
Für JR reiht sich das Projekt in einen Werkzyklus ein, der 2021 mit „La Ferita“ am Palazzo Strozzi in Florenz begann und über Rom, die Opéra Garnier und Mailand führte. In Paris hatte er bereits 2016 und 2019 die Glaspyramide des Louvre mit optischen Illusionen bespielt. Die Pont Neuf ist nun der vorläufige Höhepunkt dieser Serie monumentaler Interventionen.
Private Finanzierung ohne Sponsoren
Wie bei allen Christo-Projekten wird auch „La Caverne du Pont Neuf“ vollständig privat finanziert, ohne staatliche Zuschüsse oder Unternehmenslogos. JR betont, er wolle niemandem gegenüber Verantwortung tragen außer sich selbst. Die konkreten Kosten wurden nicht veröffentlicht. Zum Vergleich: Christos Verhüllung von 1985 hatte rund 2,5 Millionen US-Dollar gekostet, finanziert durch den Verkauf vorbereitender Zeichnungen. JRs Atelier bietet bereits limitierte Lithografien zum Projekt für rund 4.560 Euro an.
Technisch ist die Umsetzung anspruchsvoll, da keine Bohrungen in den historischen Stein erfolgen dürfen. Die Montage soll über ein Kabel- und Netzsystem erfolgen, das mit Denkmalschutz-Ingenieuren und der Schifffahrtsbehörde abgestimmt wurde. Während der dreiwöchigen Laufzeit bleiben Busse und Autos von der Brücke ausgesperrt.
Paris ehrt Christo mit Platzumbenennung
Die Stadt Paris flankiert JRs Projekt mit eigenen Würdigungen des historischen Vorgängers. Im Oktober 2025 wurde der Platz bei der Henri-IV-Statue einstimmig in „Place du Pont-Neuf – Christo et Jeanne-Claude“ umbenannt. Eine Freiluftausstellung entlang des Quai de la Mégisserie dokumentierte im Herbst 2025 die Verhüllung von 1985, bei der 41.800 Quadratmeter Stoff und 13 Kilometer Seil zum Einsatz kamen und drei Millionen Menschen in 14 Tagen die Brücke besuchten.
Die schnelle Genehmigung für JRs Vorhaben innerhalb von zwei Jahren steht in deutlichem Kontrast zu Christos zehnjährigem Kampf um die Erlaubnis. 1985 hatte Bürgermeister Jacques Chirac das Projekt zunächst abgelehnt; die finale Genehmigung musste Präsident François Mitterrand persönlich anordnen. Heute öffnet Paris seine Wahrzeichen bereitwillig für temporäre Kunstinterventionen, wie zuletzt die posthume Verhüllung des Arc de Triomphe im Jahr 2021, die sechs Millionen Besucherinnen und Besucher anzog.

