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Städel Museum launcht Kunst-App für Menschen mit Demenz

Kunst-App

Das Städel Museum Frankfurt hat mit ARTEMIS Digital eine kostenlose Web-App für Menschen mit Demenz veröffentlicht. Eine begleitende Studie zeigt messbare Verbesserungen bei Lebensqualität und Beziehungen.

Die Anwendung, die seit dem 9. Dezember unter artemis.staedelmuseum.de verfügbar ist, richtet sich an Menschen mit leichter bis mittelgradiger Demenz sowie deren Angehörige und Pflegekräfte, wobei das browserbasierte Format weder einen Download noch technische Vorkenntnisse erfordert. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsbereich Altersmedizin der Goethe-Universität Frankfurt und wird von der Schambach-Stiftung finanziert.

Die App bietet vier thematische Module, die das Städel als „Kunstreisen“ bezeichnet: Familie und Gemeinschaft, Stillleben, Das menschliche Gesicht sowie Die Farbe Blau in der Kunst. Die Inhalte kombinieren Kurzvideos, interaktive Bild-Ton-Elemente und Anleitungen für kreatives Arbeiten zuhause, während eine separate Vertiefungsebene Begleitpersonen zusätzliche Informationen liefert. Menschen mit Demenz waren aktiv in die Entwicklung eingebunden und gaben Feedback zu Sprecherstimme, Schriftgröße und Bedienbarkeit.

Studie belegt positive Effekte

ARTEMIS Digital baut auf einem seit 2014 bestehenden analogen Programm auf, das bereits als erste randomisierte und kontrollierte Studie zur Kunstvermittlung bei Demenz im deutschsprachigen Raum wissenschaftlich ausgewertet wurde. Für die digitale Version startete im Juli 2024 eine Pilotstudie mit 50 Betroffenen und ebenso vielen Betreuungspersonen, deren Ergebnisse nun vorliegen.

Die Untersuchung zeigt, dass sich die Lebensqualität der Teilnehmenden nach eigener Einschätzung verbesserte, zumal auch die Beziehungsqualität zwischen Betroffenen und pflegenden Angehörigen gestärkt wurde. Die subjektive Belastung der Pflegenden ging zurück. „Negative Stimmungen wie Apathie und Depressivität gingen zurück, das Verhältnis zur Bezugsperson wurde verbessert“, erläutert die Diplom-Psychologin Dr. Valentina Tesky von der Goethe-Universität. Die nonverbale Beschäftigung mit Kunst habe das Gefühl von Selbstwirksamkeit gesteigert.

Die Idee für das digitale Format entstand während der Corona-Pandemie, als Menschen mit Demenz durch soziale Isolation besonders betroffen waren. „Unser Ziel ist es, mit einer digitalen Anwendung eine größere Reichweite für das Angebot zu schaffen“, sagt Dr. Chantal Eschenfelder, Leiterin Bildung und Vermittlung am Städel. Das Museum wolle zeigen, wie es „einen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leisten“ könne.

1,84 Millionen Betroffene in Deutschland

Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft lebten Ende 2023 rund 1,84 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland, wobei jährlich zwischen 364.000 und 445.000 Neuerkrankungen hinzukommen. Die Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl bis 2050 auf bis zu 2,7 Millionen steigen könnte.

Das Städel gilt mit seinem zehnjährigen Engagement als Pionier auf diesem Gebiet im deutschsprachigen Raum. Die 2018 im Fachjournal Dementia publizierte Originalstudie zur analogen Kunstvermittlung hatte bereits gezeigt, dass 96,4 Prozent der Teilnehmenden das Programm mit „sehr gut“ bewerteten und alle es weiterempfehlen würden. „Das Bedeutsame an diesem Projekt ist, dass nicht die Defizite der Menschen mit Demenz im Vordergrund stehen“, betont Dr. Hansjörg Werner von der Familie Schambach-Stiftung. Stattdessen ziele ARTEMIS darauf ab, erhaltene Fähigkeiten zu wecken und zu eigener Kreativität anzuregen.

International existieren vergleichbare Programme wie „Meet Me at MoMA“ in New York oder „House of Memories“ in Liverpool, doch eine wissenschaftlich begleitete digitale Anwendung dieser Art ist im deutschsprachigen Raum bislang einzigartig. Das Städel plant größere Anschlussstudien, um die Wirksamkeit des digitalen Formats weiter zu untersuchen.

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