Inmitten der Massenproteste im Iran haben zahlreiche Galerien in Teheran ihre Türen geschlossen. Die Schließungen erfolgen nicht auf behördliche Anordnung, sondern als kollektiver Solidaritätsakt mit den Demonstrierenden – eine neue Form kulturellen Widerstands.
Die Teheraner Bavan Gallery verkündete am 8. Januar auf Instagram, sie bleibe „aus Respekt vor der aktuellen Stimmung“ bis auf Weiteres geschlossen, wobei die 2018 von Ava Ayoubi gegründete Galerie ihren Raum weiterhin für „Präsenz und Dialog“ anbietet. Die Entscheidung fiel innerhalb von 24 Stunden, nachdem die Galerie zunächst noch optimistische Botschaften gepostet hatte. Auch das Instagram-Portal Galleryinfo.ir, das üblicherweise Ausstellungen in der Hauptstadt bewirbt, stellte seine Aktivitäten ein, nachdem es Anfang Januar massiver öffentlicher Kritik ausgesetzt war – Nutzer warfen den Betreibern vor, angesichts der Gewalt auf den Straßen unangemessen zu handeln.
Eine namentlich nicht genannte Galeristin erklärte gegenüber dem Fachmagazin The Art Newspaper: „Ich hatte nicht vor zu schließen. Galerien und Kulturräume können als Orte für freien Dialog dienen. Aber diesmal ist es anders – es ist ein gemeinsamer Akt vieler Sektoren der Gesellschaft: Geschäfte, der Basar, Restaurants und Cafés.“
Mindestens drei Künstler getötet
Die Proteste fordern auch unter Kulturschaffenden Opfer. Der Bildhauer Mehdi Salahshour, der an der Universität Teheran lehrte und eine spezialisierte Steinbildhauerei-Werkstatt betrieb, starb am 8. Januar in Mashhad durch Schusswaffengewalt. Der 50-Jährige war Träger internationaler Kunstpreise. Einen Tag später wurde der 39-jährige Filmemacher Javad Ganji im Teheraner Stadtteil Sadeghiyeh getötet, wie die Iranian Independent Filmmakers Association bestätigte. Auch der Schauspieler und Theaterregisseur Ahmad Abbasi kam während der Demonstrationen ums Leben.
Die Artists at Risk Connection dokumentierte die Fälle und forderte internationale Maßnahmen. Exekutivdirektorin Julie Trébault erklärte: „Mit der Unterdrückung von Informationen ist es schwer einzuschätzen, wie umfassend die Repression war. Aber die Berichte über Angriffe auf Künstler zeigen, dass jeder zur Zielscheibe werden kann.“
Internet-Blackout seit dem 8. Januar
Seit dem 8. Januar herrscht ein nahezu vollständiger Internet-Blackout im Land, der die Kommunikation mit Künstlern und Galeristen drastisch erschwert. Laut dem Netzwerkdienstleister Cloudflare fiel der IPv6-Adressraum um 98,5 Prozent. Der Londoner Galerist Salman Matinfar, der die Ab-Anbar Gallery betreibt, berichtete, seine letzte Nachricht vom iranischen Künstler Amin Bagheri habe schlicht gelautet: „Das Internet ist abgeschaltet.“ Die Galerie verlängerte daraufhin Bagheris laufende Ausstellung bis Ende Februar und öffnete am Wochenende als Treffpunkt für die betroffene Gemeinschaft.
Die Proteste, die Ende Dezember als Händlerstreik am Teheraner Basar begannen, haben sich zu landesweiten Demonstrationen ausgeweitet. Auslöser war der dramatische Verfall der Landeswährung Rial, die auf 1,4 Millionen zum Dollar einbrach, während die Inflation bei 52 Prozent liegt. Die Filmemacher Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof veröffentlichten ein gemeinsames Statement, in dem sie die internationale Gemeinschaft aufforderten, „sofort Wege zu finden, den Zugang zu lebenswichtigen Informationen im Iran durch Kommunikationsplattformen zu ermöglichen“.
Die iranische Kunstszene operiert seit der Revolution 1979 unter dem Ministerium für Kultur und Islamische Führung, das alle öffentlichen Ausstellungen genehmigen muss. Nach den Woman-Life-Freedom-Protesten 2022 wurden über 100 Künstler verhaftet, fast 100 erhielten Arbeitsverbote oder Verurteilungen. Die aktuellen Galerieschließungen stellen insofern eine neue Entwicklung dar, als sie nicht auf staatlichen Druck zurückgehen, sondern einen bewussten Akt zivilen Widerstands darstellen.

