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Ukrainische Kunst im Krieg: Über 500 Kulturstätten zerstört, doch die Szene lebt

Drei Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion hat die UNESCO mehr als 500 beschädigte Kulturstätten in der Ukraine verifiziert. Gleichzeitig erlebt ukrainische Kunst international eine Sichtbarkeit wie nie zuvor.

Die Zahlen dokumentieren eine systematische Zerstörung: 515 Kulturstätten hat die UNESCO bis Januar 2026 als beschädigt verifiziert, darunter 153 religiöse Gebäude, 268 historische Bauwerke und 38 Museen. Das ukrainische Kulturministerium beziffert die Schäden sogar auf 1.630 Kulturerbestätten, wobei der finanzielle Schaden laut UNESCO-Schätzungen bei über 4,1 Milliarden Dollar liegt. Der Europarat stufte die Zerstörungen im Oktober 2024 als „vereinbar mit Genozid“ ein.

Die am stärksten betroffenen Regionen sind Charkiw mit 344 beschädigten Stätten, Cherson mit 295 und Odessa mit 182. Im Juni 2025 traf ein Angriff sogar die Sophienkathedrale in Kiew, ein Bauwerk aus dem 11. Jahrhundert und UNESCO-Weltkulturerbe. Drei der acht ukrainischen Welterbestätten – das historische Zentrum von Lwiw, das von Odessa sowie die Sophienkathedrale – stehen mittlerweile auf der Liste des gefährdeten Welterbes.

Millionen Artefakte gerettet

Trotz der Zerstörungen gelang es ukrainischen Kulturschützern, einen Großteil der Sammlungen zu sichern. Die NGO „Museum Open for Renovation“ unter Leonid Maruschtschak evakuierte fast zwei Millionen Artefakte aus frontnahen Gebieten, während das Khanenko-Museum seine gesamte Sammlung von 25.000 Werken bereits bei Kriegsausbruch versteckte. Die strategische Entscheidung, Kunstwerke überwiegend im Land zu belassen und in die Westukraine zu bringen, erwies sich als erfolgreich, wenngleich sie nicht alle Verluste verhindern konnte.

Einige Werke wurden dennoch ins Ausland evakuiert und sind dort nun zu sehen: 74 Gemälde aus dem Odessaer Museum für westliche und östliche Kunst werden seit Januar 2025 in der Berliner Gemäldegalerie unter dem Titel „Von Odessa nach Berlin“ gezeigt, wobei die Ausstellung unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Steinmeier steht. Die mittelalterliche Glasfenstersammlung des Khanenko-Museums mit zwölf Werken aus dem 13. bis 17. Jahrhundert wird ab April 2025 im Kölner Museum Schnütgen präsentiert.

Künstler zwischen Frontlinie und globalem Ruhm

Die ukrainische Kunstszene zeigt dabei ein bemerkenswertes Muster: Viele der prominentesten Künstler bleiben im Land und arbeiten unter extremen Bedingungen weiter. Zhanna Kadyrova, eine der international bekanntesten ukrainischen Künstlerinnen, lebt seit ihrer Flucht aus Kiew in den Karpaten und verwandelte dort eine verlassene Hütte in ein Atelier. Ihre Installation „Russian Contemporary Baroque“ – eine Orgel mit russischen Raketenfragmenten an den Pfeifen – wurde bei der Biennale von Venedig 2024 gezeigt. Nikita Kadan, Mitbegründer des Kollektivs R.E.P., arbeitet weiterhin von Kiew aus und beschreibt sein Schaffen als „täglichen Akt der Nicht-Niederlage“.

Der Krieg fordert jedoch auch Opfer unter den Kulturschaffenden. Im August 2025 fiel David Tschitschan, einer der prominentesten zeitgenössischen Künstler der Ukraine, an der Front in der Region Saporischschja. PEN Ukraine meldet 221 getötete Kulturschaffende seit Februar 2022.

Institutionen operieren unter Beschuss

Die großen ukrainischen Museen arbeiten unter extremen Bedingungen weiter. Das PinchukArtCentre in Kiew, das wichtigste private Kunstzentrum des Landes, öffnete bereits am 17. Juli 2022 nach nur 144 Tagen Schließung wieder und empfängt Besucher bei freiem Eintritt, während die Stadt unter Raketenbeschuss steht. Das Yermilov Centre in Charkiw – nur 30 Kilometer von der Front entfernt – operiert ebenfalls weiter.

Die internationale Solidarität ist substantiell: Die UNESCO hat über 66 Millionen Dollar mobilisiert, die EU seit 2022 mehr als 50 Millionen Euro Kulturhilfe geleistet. Großbritannien kündigte im Dezember 2025 zusätzliche 200.000 Pfund für einen neuen Kulturschutzfonds an. Der von der Trump-Administration angekündigte USAID-Rückzug könnte jedoch Lücken reißen, die europäische Mittel nicht vollständig füllen.

Die Wanderausstellung „In the Eye of the Storm: Modernism in Ukraine, 1900-1930s“ wurde zum wohl wichtigsten ukrainischen Kulturexport der Kriegsjahre. Nach Stationen in Madrid, Wien und der Royal Academy London kehrte sie im Februar 2025 nach Kiew zurück und korrigiert jahrzehntelange Fehlzuschreibungen ukrainischer Künstler, die als „russisch“ katalogiert waren. Internationale Museen wie das Stedelijk Amsterdam und das Museum Ludwig folgen diesem Beispiel. Die ukrainische Kulturszene im dritten Kriegsjahr ist geprägt von einer paradoxen Doppelbewegung: größte Zerstörung seit dem Zweiten Weltkrieg einerseits, internationale Sichtbarkeit wie nie zuvor andererseits.

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