
Das hier ist keine Falle
Das Leben nicht so ernst nehmen und die Kunst schon gar nicht – dieses Motiv formulierten die Fluxus-Künstler seit Entstehung der Bewegung in den 1960er-Jahren immer wieder neu. Mal wurde es als spirituelle Erfahrung interpretiert, ein anderes Mal sollte es überraschen, nicht selten schockieren und manchmal das ganze System verrücken. Das „Dagegen!“ war für viele Fluxus-Künstler – absichtlich oder unabsichtlich – der Katalysator für den eigenen Aufstieg am Markt aller Kunstmöglichkeiten. Was bleibt: Kaum eine andere Kunstform ist so vielfältig und offen wie der Fluxus. Alles fließt. Auch deshalb ist er so schwierig auszustellen. Die Ausstellung „Fluxuriös! Kunst und Anti-Kunst der 1960er bis 1990er“ versammelt im neu sanierten Blockhaus der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden rund neunzig Werke der namhaftesten Fluxus-Künstler und gibt den Blick auf ebendiese Vielfalt frei: Die Objekte, Ready-Mades, Happenings und performativen Aktionen stammen von Künstlern wie Joseph Beuys, Georg Brecht sowieso oder Ben Vautier. Yoko Ono, Nam June Paik, Wolf Vostell oder Takako Saito und Charlotte Moorman sind weitere Künstler, deren teils selten gezeigte Werke sich in der Schau wiederfinden. Sie stammen ausschließlich aus den Beständen der Sammlung „Archiv der Avantgarden“ und werfen über ihre Zusammenstellung gleichzeitig die Frage auf, wie diese schwer greifbare, weil auf Reaktionen des Publikums visierende, Kunst archiviert werden könne.
Denn Kunst, dessen war sich beispielsweise der Künstler Robert Watts sicher, sollte aus dem Museum in den Alltag geholt werden – man dürfe „den Modernisten nicht in die Falle“ gehen, wie er noch während seiner Studienzeit formulierte. Ein Gegenentwurf, den auch Joseph Beuys mit dem Gedanken an seine Soziale Plastik unterschrieben hätte und der sich spielerisch und unterhaltsam in fast allem wiederfindet, was Fluxus anbetrifft: Etwa dem Werk „Water Music“, in dem Ben Vautier Nam June Paik eine Hommage erweist und Händels berühmtes Werk baden geht. Oder in Yoko Onos „A Box of Smile“ aus dem Jahr 1971, welches das Werk durch die Bespiegelung des Betrachters selbst zum Ausstellungsort macht und einen intimen Moment kreiert. Statt gedanklich zu überfrachten, ist Einfachheit Trumpf: etwa in George Brechts „Event Scores“. Die in einer Box archivierten Karten beinhalten vielfach Ein-Wort-Anweisungen für den Kunstinteressierten. Dann soll er handeln, vielleicht auch nur im Kopf, wenn er dazu aufgefordert wird, den Ort zu verlassen. Damit würde er aber auch gleichzeitig zum Autor und Rezipienten. Oder gleich zum Objekt, das selbst zur Schau gestellt wird – wie durch die „Genitalunterwäsche“ von Robert Watts, die ganz wörtlich genommen die äußeren Geschlechtsmerkmale zeigt. Die erste Fluxus-Ausstellung in Dresden schöpft aus dem großen Bestand seiner Werke im „Archiv der Avantgarden“, dessen Grundlage die Schenkungen aus der Sammlung von Egidio Marzona an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bilden.
Die Journalistin Karolina Wróbel ist sowohl in der Hochkultur, als auch in der Berliner Lokalszene zu Hause.
Fluxuriös! Kunst und Anti-Kunst der 1960er bis 1990er Jahre
08.11. – 8.3.2026
Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Blockhaus
Große Meißner Str. 19
D-01097 Dresden
Tel.: +49-351-49142000
Di – Fr 15 – 19 Uhr, Sa 11 – 18 Uhr
Eintritt: 5 €, erm. 4 €
www.skd.museum/besuch/blockhaus
Text: Karolina Wrobel
Bild: Staatliche Kunstsammlung Dresden
Erstveröffentlichung in kunst:art 107





