
Joseph Beuys in der Kunsthalle Tübingen
Joseph Beuys (1921–1986) galt lange als Visionär, Schamane, Rätselgestalt. Doch der einst kultische Mythos um den Mann mit dem Filzhut hat an Strahlkraft verloren. Seine ritualisierten Aktionen, seine esoterischen Thesen und die kunstreligiöse Ernsthaftigkeit, mit der er auftrat, wirken heute wie Relikte einer Epoche, in der der Hunger nach Sinn größer war als die Bereitschaft zur kritischen Distanz.
Die Tübinger Kunsthalle nutzt diesen Moment der Ernüchterung, um Beuys neu zu beleuchten. Die Ausstellung „Bewohnte Mythen“ konzentriert sich auf die Zeichnungen des Künstlers, ein Werksegment, das zu Lebzeiten in den Schatten seiner performativen Selbstinszenierungen geriet. In diesen Blättern zeigt sich ein anderer Beuys: weniger Verkünder, mehr ein auf Traumpfaden Suchender. Linien, die verschwimmen, Figuren, die in Andeutungen verharren, Wesen zwischen Tier und Mythos – all das wirkt unendlich leiser als die großen Gesten, für die er berühmt wurde. Die Schau entzerrt das jahrzehntelang aufgeblähte Bild des Überkünstlers.
Sichtbar wird ein Künstler, der zunächst konventioneller war, als die spätere Legendenbildung glauben machte. Auch die spirituelle Aufladung seines Werks erscheint im historischen Kontext weniger revolutionär als reaktiv: Nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs sehnten sich viele nach Halt und Ursprünglichkeit. Beuys bot genau das – nur eben im Kostüm der Avantgarde. Kuratorin Nicole Fritz bezieht auch die kritische Forschung der letzten Jahre ein, insbesondere zu Beuys’ unklarer Haltung zum Nationalsozialismus. Der Künstler, der sich gern als sozialer Erneuerer inszenierte, erscheint damit nicht nur als inspirierende Figur, sondern auch als ein Produkt seiner Zeit – mit blinden Flecken, die lange ignoriert wurden.
Die Ausstellung benennt diese Problematiken, ohne die künstlerische Leistung kleinzureden. Diese Sicht auf den Mythos wirkt wohltuend, weil sie Raum schafft für reale Qualität. In den Zeichnungen zeigt sich eine fragile Sensibilität, ein tastendes Denken, das frei ist von Pathos. Gleichzeitig bleibt auch hier Beuys’ Neigung zur esoterischen Selbstüberhöhung sichtbar: seine Faszination für Hasen, Nymphen und Urweiblichkeiten, seine Rückgriffe auf vorchristliche Symbolwelten. Die Ausstellung kontextualisiert diese Motive präzise und macht deutlich, wie sehr sie romantisierenden Rückwärtsgewandtheiten entspringen, die in ihrer Geschlechterlogik und Naturmystik aus heutiger Sicht problematisch wirken. Projekte wie seine heute aktueller denn je wirkende Aktion „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von 1982 verdeutlichen zudem seinen erweiterten Kunstbegriff, der auf Gemeinschaft, Naturbeziehung und empathische Transformation zielte – und nachhaltige Debatten über Partizipation anregte. In Tübingen gilt es Beuys neu zu sehen, jenseits der Überhöhung, jenseits der Erschöpfung, die sein Name lange ausgelöst hat. Zu entdecken ist ein sensibler Künstler, der tastet, sucht, scheitert und darin überraschend modern erscheint.
Stefan Simon weiß als Kunsthistoriker, dass es auch immer auf die Perspektive ankommt.
Joseph Beuys. Bewohnte Mythen
08.11. – 8.3.2026
Kunsthalle Tübingen
Philosophenweg 76
D-72076 Tübingen
Tel.: +49-7071-96910
Di – So 11 – 18 Uhr, Do 11 – 19 Uhr
Eintritt: 12 €, erm. 10 €
www.kunsthalle-tuebingen.de
Text: Stefan Simon
Bild: Kunsthalle Tübingen
Erstveröffentlichung in kunst:art 107





