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„Mehr Licht“ überall in der Schweiz

31.1. – 25.5.2026 | Aargauer Kunsthaus

Emmanuelle Antille, Angels Camp – First Songs, 2003/2004

Goethes letzte Worte

In einer Zeit, in der das bewegte Bild unser alltägliches Sehen und Wahrnehmen grundlegend prägt, erhebt „Mehr Licht. Video in der Kunst“ die Videokunst nicht nur zur Form, sondern zur kritischen Existenzform im zeitgenössischen Diskurs. Die beiden komplementären Ausstellungen im Aargauer Kunsthaus und im Kunstmuseum Solothurn reflektieren und befragen die Geschichte, Dynamik und poetische Kraft der Videoarbeit in der Schweiz und darüber hinaus. Dieser doppelte museale Rahmen funktioniert dabei als dialogische Struktur, die zeigt, wie bewegte Bilder Wahrnehmung rhythmisieren, Sinn konstruieren und Ästhetik transzendieren.

Videokunst, so scheint es, ist das Medium der Ambivalenz. Sie bewegt sich zwischen medienhistorischem Bewusstsein und ästhetischer Utopie, zwischen politischer Wucht und lyrischer Flüchtigkeit. Was einst auf flimmernden Röhrenbildschirmen begann, hat sich zu einem Spektrum entwickelt, das Grenzen sprengt – zwischen Skulptur und Film, zwischen Performativem und Dokumentarischem, zwischen Individuum und kollektiver Erinnerung. Als tragende Werke der Ausstellung markieren die Positionen von Pionieren wie Nam June Paik bis hin zu jenen von Pipilotti Rist, Yves Netzhammer und Silvie Defraoui genealogische Linien, zugleich aber auch Brüche, die das Medium als Ort des Experimentierens begreifen.

Die Ausstellung lädt uns ein, das bewegte Bild nicht als Abbild, sondern als Erfahrung zu lesen, als eine Form von Zeit, die sich in Schleifen, Brüchen und Überschneidungen artikuliert. Das Aargauer Kunsthaus zeigt in dieser Hinsicht eine Auswahl, die Räume des Sehens öffnet, in denen das Publikum nicht nur betrachtet, sondern hineintritt in Suggestionen von Bewegung, Licht und Zeit: Licht wird zur Metapher für Präsenz, Schatten zum Akt der Erinnerung. In Solothurn hingegen eröffnet die Ausstellung Räume, die durch eine andere visuelle Resonanz charakterisiert sind. Hier erscheinen Videoarbeiten als Archive von Sinnlichkeit und politischem Impuls gleichermaßen, als Versammlungsorte von Einzelintensitäten, in denen Pathos und Reflexion ineinander fließen.

Besonders eindrücklich ist, wie „Mehr Licht. Video in der Kunst“ den Begriff der Narration neu verhandelt: Nicht als kohärente Geschichte, sondern als andauernde Bewegung zwischen Bild und Interpretation, zwischen Wahrnehmung und Gedächtnis. Darüber hinaus eröffnet die Ausstellung Fragen nach der Politik des Sehens: Welche Narrative werden durch das bewegte Bild unterstützt, welche werden infrage gestellt? In welcher Weise vervielfältigt oder destabilisiert Videokunst hegemoniale Sehgewohnheiten? In den hier präsentierten Positionen wird sichtbar, wie Video als Medium der Unruhe fungiert, als ein Feld, das bestehende Ordnungen des Blicks stört und zugleich neue Formen des Mitgefühls und der Reflexion generiert, ganz im Sinne von Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832) Figur Götz von Berlichingen, der sagte „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten — doch wär mir’s willkommen“.

Dr. Renée Gadsden studierte in der Meisterklasse der österreichischen Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz (1957–2022) an der Universität für angewandte Kunst Wien und schloss ihr Studium mit dem Magistra artium in Bildhauerei ab.

Mehr Licht. Video in der Kunst
31.1. – 25.5.2026
Aargauer Kunsthaus
Aargauerplatz
CH-5001 Aarau
Tel.: +41-62-8352330
Di – So 10 – 17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Eintritt: 17 €, erm. 12 €
www.aargauerkunsthaus.ch

Text: Dr. Renée Gadsden
Bild: Aargauer Kunsthaus
Erstveröffentlichung in kunst:art 107

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