Wirklichkeit und Täuschung, Gegenwart und Geschichte

29.5. – 3.10.2022 | Franz Marc Museum

Karin Kneffel, Ohne Titel, 2016, Sammlung T. Moll

„Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!“, so bringt Karin Kneffel den Eigensinn von Bildwirklichkeiten mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche auf den Punkt. Karin Kneffel (* 1957) war Meisterschülerin Gerhard Richters an der Kunstakademie Düsseldorf. Dort studierte sie auch bei Johannes Brus und Norbert Tadeusz. Was konnte Kneffel, die nun seit 2008 eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste in München innehat, von ihren Lehrern mitnehmen? „Zusammenzufügen, was nicht zusammengehört“ bei Brus, ein „Augenmerk für das Kolorit eines Bildes“ bei Tadeusz und „über Malerei nachzudenken“ bei Richter. Damit sind drei zentrale Aspekte ihrer Malerei und ihres künstlerischen Standpunkts genannt. Popularität erlangte Kneffel in den frühen 1990er-Jahren mit der realistischen Darstellung von überdimensionierten Früchten, Stillleben und Tierporträts.

Seit mehreren Jahren beschäftigt sie sich mit Raum- und Zeitschichtungen und blickt mit mehrdeutigen Wahrnehmungs- und Bildstrategien auf die Kunst- und Architekturgeschichte, wie man es nun eindrucksvoll im Franz Marc Museum erleben kann. Die Malerin setzte sich mit den Bauten Mies van der Rohes, insbesondere den Häusern Lange und Esters in Krefeld, auseinander und rekonstruierte die Interieurs und Kunstsammlungen ihrer ehemaligen Besitzer in ihren hochkomplexen Kompositionen. So reflektieren diese Bilder über Bilder grundlegende Themen der Malerei: ihren Illusionismus, ihre Flächigkeit, ihre Materialität als Objekte und ihre Abhängigkeit vom Kontext der Rezeption. In den späten 1920er-Jahren ließen sich der Textilfabrikant und Kunstsammler Hermann Lange und sein Freund Josef Esters von Ludwig Mies van der Rohe Villen in Krefeld bauen. Die Häuser im Bauhausstil wurden umfangreich dokumentiert. Auf den Fotografien kam die Sammlung Lange – Bilder von Kirchner, Macke, Kokoschka, Chagall, Kandinsky – nur am Rande vor und galt schon bald als entartet.

Karin Kneffel spürte den Werken der Sammlung nach: wo genau sie in den beiden Häusern hingen und wo sie schließlich landeten. In ihrer ab 2009 entstandenen Bilderserie thematisiert sie nicht nur die Räume der ursprünglichen, sondern auch die der heutigen Standorte der Gemälde. Lichtreflexe, diffuse Schatten und magische Leuchtquellen, Blicke durch Fenster in Interieurs und aus diesen heraus, mit Kondenswasser beschlagene Scheiben, frei im Raum schwebende Tropfen und schemenhafte Gebilde: Mit diesen bildnerischen Strategien entmaterialisiert die Künstlerin die Welt der Dinge. Angesichts der Vielschichtigkeit der Werke gerät der Blick des Betrachters ins Schwanken, sucht nach festem Grund und läuft mitunter in die Irre. In virtuoser Malerei verunklärt Kneffel das Heute und Damals, die Realität und die Fiktion. Offen und zugleich auf Distanz haltend, vertraut und dennoch fremd, leer und aufgeladen, reell und fiktiv: Es sind gerade die Ambivalenzen, die Kneffels spannende malerische Schwebezustände mit Leben füllen.

Ganz real jedoch ist der Dialog mit der Vergangenheit, den das Franz Marc Museum bietet: Karin Kneffels „Bilder im Bild“ korrespondieren dort mit den originalen Werken von Marc, Kirchner, Kokoschka, Lehmbruck, Picasso, Chagall und Gris. Neben den Gemälden Karin Kneffels, die ihre Vergangenheit spiegeln, verändert sich unser Blick auf diese bekannten Bilder.

Stefan Simon weiß als Kunsthistoriker, dass es immer auch auf die Perspektive ankommt.

 

 

 

 

Karin Kneffel. Im Bild
29.5. – 3.10.2022
Franz Marc Museum
Mittenwalder Str. 50
D-82431 Kochel am See
Tel.: +49-8851-924880
Di – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 9,50 €, erm. 6 €
www.franz-marc-museum.de

Text: Stefan Simon
Bild: Franz Marc Museum
Erstveröffentlichung in kunst:art 85