
Vom Abbild der Natur zur Malerei als Wahrnehmungsereignis
Wer einmal die Küste der Normandie von Le Tréport bis nach Le Havre immer weiter westlich entlanggefahren ist, dem bleiben die Orte dort am Meer unvergesslich, mit Sicherheit. Ob es nun Dieppe im Norden, Fécamp in der Mitte oder schließlich Étretat ist, eine französische Gemeinde und ein Seebad mit 1167 Einwohnern im Département Seine-Maritime in der Region Normandie, sie faszinieren durch ihre Schönheit mit ihren kleinen Häfen, in denen täglich frisch gefangener Fisch und so manches andere Meeresgetier an großartige Festmahle denken lässt.
Genau dorthin hat es Künstler des 19. Jahrhunderts gezogen. Das besondere Licht war es und natürlich das Meer mit seiner Luft, das Maler wie Gustave Courbet, Eugène Delacroix und Camille Corot anzog. Und natürlich auch Claude Monet. So ist der kleine Küstenort Étretat zum Mythos geworden mit seinen berühmten Felsen, die in den Atlantik ragen. Und sie stehen noch heute, die Porte d’Aval, das Felsentor von Aval als beeindruckender Bogen, und direkt davor die Aiguille d’Étretat mit über 40 Metern Höhe als angespitzte Nadel, die aus dem Meer zu wachsen scheint.
Nicht nur ein Mal hat Monet diese Naturformationen gemalt und sich von ihnen beeindrucken lassen, sondern noch mal und so immer wieder und damit das mit begründet, was seit dieser Zeit als Impressionismus die Malerei der Moderne beeinflusst hat.
Das Städel Museum in Frankfurt zeigt nun bis Anfang Juli dieses Jahres unter dem Titel „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ 170 herausragende Gemälde und Zeichnungen aus französischen, deutschen und weiteren internationalen Museen sowie aus Privatsammlungen, darunter allein 24 Werke von Claude Monet.
Es gibt Orte, die nicht einfach Landschaft sind, sondern Ereignis. Étretat ist ein solcher Ort. Hier, an der normannischen Küste, wo Kreidefelsen ins Meer stürzen und der Horizont selten zur Ruhe kommt, geriet die Malerei in Bewegung. Was die Künstler nach Étretat zog, war mehr als pittoreske Natur. Es war die eigentümliche Spannung dieser Szenerie: die Klippen, zugleich von betörender Schönheit und latenter Bedrohung, das Meer, das in unablässigem Rhythmus an die Felsen schlägt, und das Licht, das nichts festschreibt, sondern alles verwandelt.
Bald wurde der einst abgelegene Ort zum Magneten für Maler und Schriftsteller, die ihn mit ihren Werken über Frankreich hinaus bekannt machten. Mit der touristischen Erschließung um 1850 wandelte sich Étretat zum Seebad und gesellschaftlichen Treffpunkt – eine Bühne, auf der sich Künstler, Intellektuelle und das Pariser Bürgertum begegneten. Gustave Courbet bannte hier die elementare Wucht der Brandung in seine berühmten Wellenbilder, während Guy de Maupassant den Ort literarisch zum Sehnsuchtsraum verklärte.
Am nachhaltigsten jedoch ließ sich Claude Monet von dieser Küste herausfordern. Die drei monumentalen Felsentore – neben der Porte d’Aval auch die Porte d’Amont,und Manneporte – wurden für ihn nicht nur Motive, sondern Versuchsanordnungen des Sehens. Unter dem Eindruck ständig wechselnder Licht- und Wetterverhältnisse begann Monet, ein und dieselbe Ansicht in Serien zu erforschen. Nicht das Objekt stand im Mittelpunkt, sondern seine Erscheinung im Wandel. In Étretat vollzog sich damit leise eine Verschiebung: vom Abbild der Natur zur Malerei als Wahrnehmungsereignis. Was hier begann, wurde später zu einem Schlüsselprinzip der Moderne.
Bence Fritzsche ist Chefredakteur der Zeitschrift „atelier“.
Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat
19.3. – 5.7.2026
Städel Museum
Schaumainkai 63
D-60596 Frankfurt
Tel.: +49-69-605098200
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr
Eintritt: 19 €, erm. 17 €
www.staedelmuseum.de





