Hochkarätiges Crossover

9.7.2023 – 21.1.2024 I Olaf Gulbransson Museum

Ferdinand Hodler, Bildnis Clara Battier, um 1914

Sammlung Haas im Olaf Gulbransson Museum am Tegernsee

Kunstwerke aus fünf Jahrhunderten sind derzeit in den Sep Ruf Bau des Olaf Gulbransson Museums am Tegernsee eingezogen. Es sind Werke des in Berlin lebenden Sammlerpaars Anna und Michael Haas, die mit 52 Werken ihrer Sammlung und vielen bedeutenden Künstlern einen Einblick in ihre einzigartige Leidenschaft für die Kunst geben. Herausgekommen ist ein etwas anderer Blick.

Der erste Eindruck braucht oft den zweiten Blick, der den ersten bestätigt oder relativiert. Darauf verstehen sich die Eheleute Haas – er erfolgreicher Galerist, Kunsthändler, Künstler und Sammler, sie ehemalige Bankerin und heutige Sammlerin. Ein fortwährender dialogischer Prozess – mit sich selbst und mit der Kunst. Herausgekommen ist in 40 Jahren ein Sammlungs-Mix, bei dem beide den Pfad des bedingungslosen Mainstreams längst verlassen haben, um der Kunstgeschichte überwiegend mit Malerei, Zeichnung und Skulptur des 20. und 21. Jahrhunderts zu huldigen.

Ob wenig bekannte Werke großer Meister oder große Werke weniger bekannter Meister, ob in der Kunst oder im Kunsthandwerk – das Sammler-Duo folgt ohne Berührungsängste dem erweiterten Kunstbegriff. Orientierung liefert Michael Haas, selbst Künstler mit einer Ausbildung als Holzschneider und Holzbildhauer in Oberammergau sowie Schüler der Akademien in Karlsruhe und Braunschweig.

Herausgekommen ist ein Crossover von mittelalterlichen Skulpturen und alten Meistern vom frühen Mittelalter bis zur Malerei des 21. Jahrhunderts, von Daniel Richter bis zur Tafelmalerei der Meister der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wie bei „Die beiden Steuereinnehmer in ihrem Kontor“ von oder aus dem Umkreis des flämischen Malers Quentin Massys im Dialog mit einer Abstraktion des katalanischen Malers Antoni Tàpies von 1995.

Lovis Corinths «Susanna im Bade» von 1890 begegnet hier Eric Fischls „Bathroom scene #3“ von 2004 sowie Jean Jacques François Monanteuils „Junge mit roter Mütze“ von 1834 und Uwe Lausens „Micky Maus“ von 1964/66 liefern hier Analogien, die Sujet-übergreifend in den hier fünf vertretenen Jahrhunderten nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Man begegnet hier auch den Themen, die so alt sind wie die Menschheit selbst. Dazu zählt die Verbindung zwischen Mann und Frau ebenso wie die zwischen Mensch und Gesellschaft. Und so spannt sich bei Valerio Adami und Gustav Kluge der Bogen von existentiell bedrohlich bis zur Konfrontation von Mensch und Tier.

Aber auch Frauen- wie Männerporträts sowie Paardarstellungen vermitteln hier epochenübergreifend das Selbstverständnis von Gesellschaften. Dabei begegnet man Alphonse Hirschs und Alexandre Eugène Castelnaus Damen des 19. Jahrhunderts ebenso wie Werken des 20. und 21. Jahrhunderts, etwa von Ferdinand Hodler, James Ensor, Otto Dix, Ernst-Ludwig Kirchner, Markus Lüpertz oder Miriam Cahn.

Und in der Gegenüberstellung eines Renaissance-Bildes von Antonio del Ceraiolo mit einem Werk der Neuen Sachlichkeit von Anton Räderscheidt wird die Vereinsamung des Menschen lesbarer als jemals zuvor. Großartig kuratiert.

Sebastian C. Strenger ist Kunsthistoriker, Buchautor und gefragter Publizist im Feuilleton.

Der andere Blick. Sammlung Anna und Michael Haas
9.7.2023 – 21.1.2024
Olaf Gulbransson Museum Tegernsee
Kurgarten 5
D-83684 Tegernsee
Tel.: +49-8022-3338
Di – So 10 – 17 Uhr
Eintritt: 12 €, erm. 10 €
www.olaf-gulbransson-museum.de

Text: Sebastian C. Strenger 
Bild: Olaf Gulbransson Museum Tegernsee
Erstveröffentlichung in kunst:art 92

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