Der Meister der Bänder wird 100

bis zum 10.3.2024 I Kunstmuseum Bonn

Günter Fruhtrunk, Umkehrende Reihe, Étude No 4, 1962/1963

Günter Fruhtrunk in Bonn und München 

Dieser Künstler wurde wirklich populär. Multimillionen zählte die Auflage der Einkaufstüte, die Gunter Fruhtrunk für Aldi-Nord Anfang der 1970er-Jahre entwarf: Markante Diagonalstreifen in sattem Blau, mal breit, mal schmal, in vier Einheiten gegliedert und das eingelegte Logo fein in Rot umrandet. Der populäre Lebensmitteldiscounter und der bekannte Künstler der abstrakten Moderne: Wer warb hier für wen? Die Tüte ist längst Geschichte, ihr Vertrieb wurde vor fünf Jahren eingestellt – den Künstler aber sollte man heute vielleicht neu in den Blick nehmen. Beste Gelegenheit dazu geben gleich zwei Ausstellungen, die anlässlich des 100. Geburtstags von Günter Fruhtrunk einen differenzierten Maler und Grafiker vorstellen, dessen Position, bei aller Wiedererkennbarkeit, doch über die auf rasche Wahrnehmung angewiesene Ästhetik der Werbung weit hinausging. Das Münchner Lenbachhaus konzentriert sich dabei auf die Anfangszeit, die wichtigen Pariser Jahre, während das Kunstmuseum Bonn eine umfangreiche Retrospektive über drei Jahrzehnte des Schaffens anbietet.

Günter Fruhtrunk, 1923 in München geboren, beginnt zunächst ein Studium der Architektur, das jedoch kriegsbedingt rasch unterbrochen wird. Das auf Ordnung und Strukturen ausgerichtete Denken des Baumeisters sollte auch den späteren Künstler auszeichnen. In den frühen 1950er-Jahren finden wir Fruhtrunk im Zentrum der Pariser Nachkriegsmoderne. Hier entfalten, neben jungen, schon auf die spätere Pop Art verweisenden Richtungen, die Altmeister der Abstraktion große Wirksamkeit: Der junge Deutsche assistiert bei Fernand Léger und Hans Arp. Und so manchem seiner damals entstehenden Werke kann man, mit ihrer unregelmäßigen Verteilung irregulär geformter Elemente auf der Bildfläche, durchaus auch noch Spuren eines kandinskyschen Einflusses ansehen. Es dauert aber nicht lange, da findet Fruhtrunk seine ganz originäre künstlerische Sprache.

Sie entsteht aus der Geometrie, deren Systematik der Künstler benutzt, um Kompositionsprinzipien zu gewinnen, die, bei aller Strenge, Raum für Abweichung und Erfindung lassen. Ein Konstruktivismus ohne Korsett, so könnte man das nennen. Bild und Motive gehen ineinander über, wenn die Fläche von zunächst vertikalen, später bevorzugt den so charakteristischen diagonalen Streifen gebildet wird. Der Künstler selbst bevorzugt die Benennung seiner Lieblings-Bauelemente als „Bänder“, wohl weil es ihm dabei um die hierin enthaltene Komponente der Verbindung geht. Genau hinschauen lohnt sich, denn die zunächst zwischen den dicken Farbbalken kaum sichtbaren, überaus schmalen Bänder in Kontrastfarben bringen erst das Ganze zum Schwingen. Fruhtrunk, seit 1967 Professor an der Münchener Akademie, wird zum Inbegriff der bundesdeutschen Nachkriegsmoderne, documenta-Teilnahme und öffentliche Aufträge bestätigen seinen Ruf. Im Spätwerk – bis zum Freitod 1982 – wiederum gewinnt die Farbe nahezu autonome Macht in seiner Bildwelt.

Günter Fruhtrunk. Retrospektive 1952–1982
bis zum 10.3.2024
Kunstmuseum Bonn
Museumsmeile
Helmut-Kohl-Allee 2
D-53113 Bonn
Tel.: +49-228-776260
Di – So 11 – 18 Uhr, Mi 11 – 21 Uhr
Eintritt: 7 €, erm. 3,50 €
www.kunstmuseum-bonn.de

Günter Fruhtrunk. Die Pariser Jahre (1954–1967)
bis zum 7.4.2024
Städtische Galerie im Lenbachhaus
Luisenstr. 33
D-80333 München
Tel.: +49-89-23396933
Di – So 10 – 18 Uhr, Do + Fr 10 – 20 Uhr
Eintritt: 12 €, erm. 6 €
www.lenbachhaus.de

Text: Dieter Begemann
Bild: Kunstmuseum Bonn
Erstveröffentlichung in kunst:art 95

Über Dieter Begemann 268 Artikel
Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!