
Big in Büdelsdorf
Es sieht so aus, als hätten sie in Büdelsdorf, am nördlichen Ufer des Nordostsee-Kanals, wieder einmal ganz tief in die Zauberkiste gegriffen und eine schwer imposante Ausstellung hervorgeholt! Die internationale Kunstausstellung NordArt ist schon seit Langem eine der flächen- und zahlenmäßig größten Schauen der Kunstwelt, aber rein quantitative Aspekte reichen nicht hin, ihre Bedeutung zu beschreiben. Zwar ist auch diesmal die Künstlerliste mit über 200 Namen bestens bestückt (von der Jury aus rund 3.000 Bewerbungen aus aller Welt sorgsam herausgefiltert), zwar finden 22.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in den historischen Gießereihallen der ehemaligen Carlshütte und 80.000 Quadratmeter unter alten Bäumen im Skulpturenpark kaum irgendwo ein Gegenstück (zumal in Jahren wie diesem, in denen es keine Biennale in Venedig gibt) – aber mehr noch punktet die NordArt mit Qualität. Dass dazu noch ein mittlerweile Tradition gewordener, starker Auftritt der „alten“ Künste gehört – also Malerei, Zeichnung und Bildhauerei –, sei als zusätzliches Bonbon nur am Rande erwähnt.
Das über Jahre schon gehaltene, kontinuierlich hohe Niveau der NordArt verdankt sich ihrem besonderen Konzept. Das ruht auf mehreren Säulen, dem schon erwähnten hochrangig besetzten Jurierungsprozess, den schönen Ausstellungsräumen natürlich, die auch leise Werke bestens zu Gehör kommen lassen, und der konsequent international offenen Ausrichtung. Kultur ist vor allem die Kunst des Dialogs, so könnte man den Generalnenner hier umschreiben, oder, mit den Worten von Chefkurator Wolfgang Gramm: „Kunst sucht Antwort auf alles, was den Menschen bewegt und berührt, und der Mensch kann Antworten in der Kunst finden. Sie spiegelt unsere Ängste wider, aber sie versinnbildlicht auch unser aller Hoffnungen auf ein besseres, ein gutes Morgen. Kunst kann die Seele träumen lassen und Zuversicht schaffen – in einer Sprache, die alle Menschen verstehen. Wir sind dankbar, mit der NordArt diesem nonverbalen Dialog Raum geben zu können.“ Das ist zutiefst politisch gedacht, aber eben alles andere als dogmatisch!
Als sei die „allgemeine“ NordArt mit ihren Beiträgen unter anderem aus ganz Europa, vielen Ländern Asiens und den Amerikas noch nicht genug, gibt es auch diesmal Sonderschauen. Da wäre die Präsentation polnischer Kunst (in der ACO Wagenremise), welche die kulturellen Veränderungen zwischen den Wendejahren und dem Beitritt Polens zur EU beleuchtet. Und gleich dreimal steht Asien im Mittelpunkt: Hier fragt die Kunst aus der Mongolei (etwa in einem Riesengemälde von 17 Metern) nach dem Verhältnis von Tradition und Moderne. Die aktuelle Szene in China dagegen erweist sich als keineswegs monolithisch systemfromm und das Fokusprojekt Japan stellt Denken und Kultur des Inselreichs selbstbewusst dem europäischen gegenüber. Zu guter Letzt gibt es einen Sonderauftritt israelischer Kunst (unter anderem mit multimedialen Installationen) im Rahmen des 60. Jubiläums diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland.
Dieter Begemann ist Künstler und Kunstwissenschaftler. Er liebt außerdem Architektur, Design, Literatur und Italien!
NordArt 2025
6.6. – 5.10.2025
Kunstwerk Carlshütte
Vorwerksallee
D-24782 Büdelsdorf
Tel.: +49-4331-354695
Di – So 11 – 19 Uhr
Eintritt: 20-23 €, erm. 18-20 €
www.nordart.de
Text: Dieter Begemann
Bild: Kunstwerk Carlshütte
Erstveröffentlichung in kunst:art 104








