
Beckmann immer wieder neu
Bald wird es zwanzig Jahre her sein, dass in der Frankfurter Schirn eine große und auch überraschende Ausstellung von Max Beckmanns Aquarellen und Pastellen eröffnet wurde. Mit knapp 150 Blättern und dazu einer Mappe mit seinen Lithographien aus dem Verlag Curt Valentin in New York (also mit den ziemlich letzten seiner Arbeiten) war es für viele eine Entdeckung. Auch die neue Ausstellung im Frankfurter Städel ist wieder vorzüglich inszeniert.
Erstaunlicherweise ist fast jedes Blatt auch noch nach so vielen Jahren im Gedächtnis fest verankert geblieben, ob es sich um Beckmanns historische Motive handelt oder die Porträts Frankfurter Persönlichkeiten, die sein Talent schon früh erkannt haben. Immer wieder staunenswert ist auch die absolute Sicherheit, mit der er in einigen wenigen Strichen einen Menschen charakterisieren konnte.
Besonders einprägsam ist das Porträt der Tochter von Fritz Wichert, der von 1909 bis 1923 Direktor des Kunsthalle Mannheim war. Wichert hatte Beckmann schon 1914 in seinem Atelier in Berlin besucht und wollte bereits damals ein Bild von ihm ankaufen. Die Kriegsereignisse vereitelten es. Wichert wurde – nach seiner Zeit in Mannheim – Direktor der Städelschen Kunstschule und der Kunstgewerbeschule in Frankfurt, die er dann zusammenführte. 1927 berief er Beckmann als Lehrer an seine Schule. Im November des gleichen Jahres begann dieser an einem großen Porträt von Wichert zu arbeiten, zerstörte es jedoch beim Kriegsausbruch 1939.
Auch die Blätter der jetzigen Ausstellung erzählen vieles über die große zeichnerische Begabung dieses Mannes, der durch die Hölle des Ersten Weltkriegs ging, während des Zweiten Weltkriegs in Amsterdam im Versteck weiterarbeitete und am Kriegsende nach Amerika emigrierte.
Das Städel Museum besitzt eine außergewöhnliche Sammlung von Zeichnungen und der Grafik. Sie ist auch ein Ergebnis der engen Freundschaft von Beckmann zur Familie Battenberg. Beckmann hat Friedel Battenberg öfters porträtiert. 1949 erwarb das Museum diese reichhaltige Sammlung, sodass das Städelsche Kunstinstitut zu den wichtigsten Museumssammlungen von Beckmann weltweit gehört.
Nichtsdestoweniger war es nötig, viele irrtümliche Annahmen zum umfangreichen grafischen und zeichnerischen Werk von Beckmann zu verifizieren und auch zu korrigieren. So sind viele seiner Zeichnungen und seiner Aquarelle jetzt präziser datiert und deren Kontext auch besser nachvollziehbar. Das gilt nicht nur etwa für die Arbeiten, die im Kriegsexil in Amsterdam entstanden sind, sondern auch für jene Werke, die in den USA der sich ausbreitenden Abstraktion trotzen. Sie lassen sich lesen wie ein künstlerisches Tagebuch und zeigen: Beckmann bleibt ein scharfsinniger Beobachter nicht nur der künstlerischen Entwicklungen um ihn herum, sondern auch der menschlichen Schicksale, und er bleibt ihrer Umsetzung in seiner ganz eigenen bildlichen Darstellung bis zuletzt treu.
Dr. Milan Chlumsky promovierte an der Pariser Sorbonne über Ästhetik und den tschechischen Poetismus.
Beckmann
3.12.2025 – 15.3.2026
Städel Museum
Schaumainkai 63
D-60596 Frankfurt
Tel.: +49-69-605098200
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr
Eintritt: 18 €, erm. 16 €
www.staedelmuseum.de
Text: Dr. Milan Chlumsky
Bild: Städel Museum
Erstveröffentlichung in kunst:art 107






