
Realist und Rebell
Das Gemälde eines jungen Mannes, dunkle Locken schmeicheln dem zufrieden lächelnden Gesicht, im Mundwinkel hängt lässig eine Pfeife. Das Bild zeigt eines der vielen Selbstporträts, die der junge Maler Gustave Courbet von sich auf die Leinwand gebracht hat. Wie viele seiner Arbeiten ist auch diese in gedeckten, erdigen Farben gehalten, einzig die lebendige Röte des Gesichts wird von einer Lichtquelle erhellt.
Gemalt hat Courbet das Bild um 1849, in dieser Zeit entstanden die meisten seiner Selbstporträts. Dabei schlüpfte der Maler in unterschiedliche Rollen. Als ein Künstler, der keine akademische Ausbildung genossen hatte, nutzte er Selbstporträts als Möglichkeit, sein Können autodidaktisch weiterzuentwickeln. Aufmerksamkeit erregten dramatische Darstellungen seiner eigenen Person wie das Bildnis eines verzweifelten Mannes, der vor Bestürzung die Augen weit aufreißt oder sich an einem Abgrund befindet, in den er zu stürzen droht.
Dabei sorgte schon der neue realistische Malstil für Aufsehen. Courbet gilt als einer der Protagonisten des Realismus, einer Stilrichtung, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts von einer Gruppe junger französischer Maler vorangetrieben wurde. Im Mittelpunkt stand die möglichst realitätsgetreue Darstellung der Gegenwart, zu der neben Landschaftsmotiven auch die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse der einfachen Bevölkerung zählten, denen sie durch die industrielle Revolution ausgesetzt waren.
Das Anprangern der sozialen Verhältnisse sorgte für Misstrauen bei den politischen Eliten. Doch auch gesellschaftlich eckte der Künstler mit seinen unverblümten und mit reichlich Andeutungen versehenen Aktbilder von Frauen an. „Der Ursprung der Welt“ zählt wohl zu den berühmtesten wie auch skandalträchtigsten Gemälden der Kunstgeschichte. Zu sehen ist das Geschlecht einer Frau, Teile der Oberschenkel und der Brust. Courbet verkaufte das Gemälde an den ägyptischen Kunstsammler und Diplomaten Khalil-Bey, der es hinter einem grünen Vorhang verbarg und nur ausgewählten Gästen zeigte.
Die groß angelegte Retrospektive „Gustave Courbet – Realist und Rebell“ präsentiert Bilder aus allen Schaffensphasen des 1819 in Ornans im französischen Jura geborenen Ausnahmekünstlers, dem Unabhängigkeit und künstlerische Freiheit über alles ging, sodass er dafür sogar die Flucht ins Schweizer Exil in Kauf nahm, wo er 1877 verstarb. Neben frühen, ikonischen Selbstporträts werden Frauenakte und Bilder mit sozialem Bezug gezeigt. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Landschaftsbilder, eindrucksvolle Darstellungen des Meeres und Werke aus seiner Zeit im Schweizer Exil.
Gustave Courbet. Realist und Rebell
19.2. – 21.6.2026
Leopold Museum
MuseumsQuartier
Museumsplatz 1
A-1070 Wien
Tel.: +43-1-525701555
Mo + Mi – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 19 €, erm. 16 €
www.leopoldmuseum.org
Text: Karin Gerwens
Bild: Leopold Museum
Erstveröffentlichung in kunst:art 107





