
Vier Bühnen für den Magier des Schwarzweißen
Großer Auftritt für einen der ganz wichtigen Künstler unserer Gegenwart: eine Würdigung zum 70. Geburtstag und eine Ermunterung zum denkenden Sehen, zum sehenden Denken. William Kentridge wurde 1955 im südafrikanischen Johannesburg geboren, die Auseinandersetzung mit der konfliktträchtigen Geschichte seines Heimatlandes hat sein Schaffen bestimmt. Schon die Eltern waren im Kampf gegen die Apartheid politisch engagierte Juristen, auch William Kentridge studierte zunächst einmal politische Wissenschaften, bevor er sich, nach einer Schleife zum Theater, in den 1980ern der Kunst zuwandte. Das politische Bewusstsein begleitet ihn bis heute.
Zum Jubiläum laden heute mehrere Häuser, mit je unterschiedlichen Akzenten. Allen voran die Museen in Essen und Dresden: In einem sammlungsübergreifenden Ausstellungsfestival stellen sie Kentridge mit seinen beiden wichtigsten Medien vor, dem Film und der Zeichnung, die Gattungen in diesem Fall aufs engste verzahnt. Die Staatlichen Museen Dresden konzentrieren sich an ihrerseits mehreren Ausstellungsorten (unter anderem Kupferstich-Kabinett und Albertinum) auf die Zeichnungen. Die Werke auf Papier, die gedruckten wie die frei mit der Hand formulierten, sind so etwas wie das pulsierende Herz der Kunst von William Kentridge, denn sie erlauben ihm, einer Bildidee vorsichtig explorierend nachzuspüren wie die entschieden raumgreifende Besetzung der Fläche. Eigene Skizzen aus der persönlichen Beobachtung, Landkarten, Pressefotos und tausenderlei mediales Material amalgamiert hier der Künstler, der sich allemal und immer noch als politischer versteht.
Politisch – aber alles andere als plakativ. Denn tatsächlich sind die historisch immer neu drängenden Fragen der Unterdrückung, der Ausgrenzung, des Aufbegehrens auf eine Weise verhandelt, die Raum hat für den Zweifel oder den leisen poetischen Ton: „Listen to the Echo“ ist das Dresdner Motto und auch das in Essen, wo im Folkwang Museum die Zeichnungen im charakteristischen Schwarzweiß, Bleistift und Kohle vor allem, in Bewegung kommen. Denn aus einer riesigen Anzahl von Handzeichnungen, von Blatt zu Blatt leicht verändert, auch radiert und gewischt, entstehen bei der Aufzeichnung mit der Filmkamera animierte Kurzfilme. „Drawings for Projection“, bei denen das schwierige Erbe der Apartheid zum Thema wird, wie auch der Kolonialismus europäischer Mächte in Afrika, der italienische beispielsweise in Abessinien. Zuweilen tritt als weitere Ausdrucks- und Kommentarebene die Musik hinzu. Der Künstler ist ein medialer Tausendsassa, er konzipiert eigene Stücke für Musiktheater, tritt gelegentlich selbst auf, baut kleine Miniaturbühnen, entwirft Tapisserien und belebt das alte Medium der Anamorphose wieder.
Das amüsante „Self-Portrait as a Coffee Pot“ figuriert im Cottbusser Dieselkraftwerk, während in der Bonner Kunsthalle Kentridge im Zusammenhang einer größeren Schau zur Rolle des „Schattens in der Kunst der Gegenwart“ auftritt.
Dieter Begemann lebt und arbeitet in Norddeutschland.
From Dawn Till Dusk. Der Schatten in der Kunst der Gegenwart
02.07.- 2.11.2025
Kunstmuseum Bonn
Museumsmeile
Helmut-Kohl-Allee 2
D-53113 Bonn
Tel.: +49-228-776260
Di – So 11 – 18 Uhr, Mi 11 – 19 Uhr
Eintritt: 10 €, erm. 5 €
www.kunstmuseum-bonn.de
William Kentridge. Self-Portrait as a Coffee Pot
27.8. – 9.11.2025
Dieselkraftwerk
Uferstr./Am Amtsteich 15
D-03046 Cottbus
Tel.: +49-355-49494040
Di – So 11 – 19 Uhr
Eintritt: 4 €, erm. 3 €
www.blmk.de
William Kentridge. Listen to the Echo
4.9.2025 – 18.1.2026
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
D-45128 Essen
Tel.: +49-201-8845000
Di – So 10 – 18 Uhr, Do + Fr 10 – 20 Uhr
Eintritt: 14 €, erm. 8 €
www.museum-folkwang.de
William Kentridge. Listen to the Echo
6.9.2025 – 15.2.2026
Albertinum (auch Residenzschloss + Kraftwerk Mitte)
Tzschirnerplatz 2
D-01067 Dresden
Tel.: +49-351-49142000
Mo + Mi – So 10 – 17 Uhr
Eintritt: 14 €, erm. 10,50 €
www.skd.museum
Text: Dieter Begemann
Bild: Kunstmuseum Bonn
Erstveröffentlichung in kunst:art 105